Retrospektive Michael Radford

Die Förderung des Filmschaffens durch das britische Fernsehen bietet auch für Michael Radford neue Arbeitsmöglichkeiten. 1980 dreht er für BBC-Scotland seinen ersten Spielfilm: THE WHITE BIRD PASSES, die wahre Geschichte einer Prostituierten und ihrer Tochter im ländlichen Schottland der 20er und 30er Jahre. 1982 entsteht in Koproduktion mit Channel Four sein erster Kinofilm: ANOTHER TIME, ANOTHER PLACE – die Liebesgeschichte eines italienischen Kriegsgefangenen und einer schottischen Farmerfrau – findet als wegweisender Film des »New British Cinema« internationale Beachtung.  Zwei Jahre später verfilmt er eines der Meistgelesenen Werke der modernen Literatur: George Orwells »1984« mit Richard Burton und John Hurt in den Hauptrollen. Es gelingt ihm ein gleichermaßen futuristischer, wie realistischer Film, indem er das Lebensgefühl der englischen Nachkriegsgesellschaft – der Roman entstand 1948 – vermittelt. 1987 folgt WHITE MISCHIEF – DIE LETZTEN TAGE IN KENYA – mit Greta Scacchi und Charles Dance, ein Portrait der kolonialen Dekadenz der britischen Aristokratie in Kenia der 40er Jahre. Die sehr kritische Aufnahme des Films bedeutet für Michael Radford einen Einschnitt.  Fünf Jahre vergehen, bis er sich für die nächste große Arbeit entscheidet. Der italienische Schauspieler Massimo Troisi bietet ihm eine Erzählung von Antonio Skarmeta an (deutscher Titel: MIT BRENNENDER GEDULD), die von der Freundschaft zwischen dem Dichter Pablo Neruda und einem Postboten handelt. Radford und Troisi verlegen die Handlung in die 50er Jahre und auf eine kleine, italienische Insel, auf der Neruda im Exil lebt. Troisi spielt den tragikomischen Postmann, der Freundschaft mit dem großen Dichter schließt (gespielt von Philippe Noiret) und Nerudas Poesie für sich entdeckt. Der Film wird für Massimo Troisi zum Vermächtnis: Er stirbt einen Tag nach Ende der Dreharbeiten an einem Herzleiden. IL POSTINO handelt, wie die meisten Filme von Michael Radford, von einfachen Menschen und ihrem kargen und ärmlichen Leben, fast unspektakulär bis zu dem Augenblick, in dem eine Begegnung ihr Leben verändert. Freundschaft und Liebe sind die großen Themen in Radfords Filmen.  – doch die Wirklichkeit erlaubt kein Happy End.

Michael Radford versteht es, in die Zeit und die Kultur seiner Geschichten einzutauchen. Ganz besonders verspürt er offenbar eine Nähe zur italienischen Kultur, denn weder die Dokumentation THE MADONNA AND THE VOLCANO noch IL POSTINO scheinen mit den Augen eines Fremden gedreht. Radford erzählt poetisch und emotional. Sensationen und Action gibt es selten. So werden seine Filme über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg verstanden, das zeigt auch der enorme Erfolg von IL POSTINO. Als »kleiner Film der großen Gefühle« ist er der erfolgreichste ausländische Film, der jemals in den amerikanischen Kinos lief. Die Retrospektive der Cologne Conference will den Werdegang dieses außergewöhnlichen Autors und Regisseurs nachzeichnen. Im Mittelpunkt sollen Radfords unterschiedliche Arbeitsweisen für Film und Fernsehen stehen, sowie mögliche Schnittstellen dieser Medien und die Suejts seiner Produktionen. Dank gilt der Filmstiftung NRW, deren Förderung die erste Retrospektive des Kölner Fernsehfestes ermöglicht hat. Für die freundliche Unterstützung bei der Zusammenstellung des Programms bedanken wir uns zudem bei Dr. Rainer Kölmel (Kinowelt Filmverleih), Karin Farnworth (National Film and Television School), BBC Worldwide, Senator Filmverleih und »The Producers«.
Die Cologne Conference freut sich auf Michael Radford!