Fassbinders Fernsehen

»Der Prophet zählt im eigenen Lande nichts«, war noch im April in deutschen Feuilletons anlässlich der Eröffnung der großen Fassbinder-Ausstellung und -Retrospektive im Centre Pompidou zu lesen. Zum 60. Geburtstag des Regisseurs am 31. Mai überschlugen sich dann in den gleichen Zeitungen die Lobreden deutscher Filmschaffender, Filmkritiker und Intellektueller, die ausnahmslos betonten, wie wichtig Fassbinders Werk für sie, die deutsche Filmgeschichte und die Gegenwart sei. Die Kommentatoren waren sich einig: Fassbinder ist der wichtigste Regisseur der deutschen Nachkriegszeit.

Wenn über Rainer Werner Fassbinder geschrieben wird, geht es fast immer um das Gesamtkunstwerk: Fassbinder, der Filmregisseur, Theatermacher, Autor und natürlich der Workaholic, der über vierzig Filme in 13 Jahren drehte, der »lichterloh und an allen Enden gleichzeitig brannte« (Günter Rohrbach), der wahllos Drogen konsumierte, das emotionale Monster, das Menschen »aussaugte«, aber auch zu ihren besten Leistungen quälte. Und dann natürlich Fassbinder der auteur, dessen Werk immer wiederkehrende Themen, Motive, Strategien durchziehen und dessen Leben vielfach mit seinem Werk verknüpft war.

Dabei wird meist übersehen, dass er selber seine Arbeit für Theater und Kino von seinen Fernsehspielen und -serien deutlich unterschied: »Ich glaube, dass man fürs Fernsehen relevantere Filme machen muss, gesellschaftlich relevantere Filme als fürs Kino«, erklärte Fassbinder 1972 in einem Interview. Im gleichen Jahr antwortete er in einem anderen Gespräch auf die Frage, ob Filme eine politische Wirkung haben könnten: »Im Kino sicherlich nicht, aber im Fernsehen glaube ich schon daran. An eine politische Relevanz des Fernsehens glaube ich sehr stark«.

Die Antwort bezog sich auf seine gerade fertiggestellten fünf Teile der WDR-Serie ACHT STUNDEN SIND KEIN TAG, in der er das populäre Genre der bürgerlichen Familienserie mit den Themen und dem Milieu des so genannten Arbeiterfilms vermischte – sein Redakteur, Produzent und Drehbuchautor Peter Märthesheimer nannte es in typisch zeitgenössischer Diktion die »Besetzung eines bourgeoisen Genres«. Anders als in Fassbinders häufig tragisch endenden Melodramen, die nach innen auf die Ausbeutungsverhältnisse in menschlichen Beziehungen gerichtet sind, bietet Fassbinder hier konkrete Lösungen an für Probleme nicht nur in der Familie, sondern auch am Arbeitsplatz. Bewusst wollte er ein Zeichen setzen gegen die seiner Meinung nach zu depressiven Werke des Arbeiterfilms. Stattdessen versuchte er eine »Ästhetik der Hoffnung« zu propagieren. Seine Kinofilme und Theaterstücke, die für ein intellektuelles Publikum gemacht waren, konnten ruhig pessimistisch sein; bei dem großen und vielfältigen Publikum einer Fernsehserie – ACHT STUNDEN SIND KEIN TAG hatte Quoten von über vierzig Prozent – hielt er dies für reaktionär.

Von seinen knapp zwanzig Fernseharbeiten drehte Fassbinder mehr als die Hälfte für den WDR, darunter seine beiden einzigen Serien. Auch stilistisch und thematisch deckte er für den Sender eine beeindruckende Bandbreite ab – von der Familienserie ACHT STUNDEN SIND KEIN TAG über den Sciencefiction-Zweiteiler WELT AM DRAHT und sein Opus Magnum, der 13-teiligen Verfilmung von Alfred Döblins BERLIN ALEXANDERPLATZ, bis hin zu den eher »fassbindertypischen« Frauenmelodramen MARTHA und ANGST VOR DER ANGST.

ANGST VOR DER ANGST ist ein gutes Beispiel dafür, dass Fassbinder auch in seinen Fernseharbeiten, die strukturell und thematisch am nächsten an seinen Kinofilmen zu liegen scheinen, durchaus die besonderen Bedingungen des Mediums mitreflektierte. Das beginnt bei formalen Differenzen, wie einer stärkeren Betonung von Nahaufnahmen statt Totalen und von Zooms statt Fahrten, die neben dem kleineren Format auch den geringeren Budgets der Fernsehproduktionen geschuldet waren.

»Beim Fernsehen arbeitet man sehr viel direkter, einfache Wirkung, unmittelbare Gefühle, unmittelbares Lachen, während man beim Film stärker atmosphärisch arbeitet«, erklärte Fassbinder 1973 in einem Interview. Seine Fernsehspiele zeigen daher vielleicht auch am besten seine Auseinandersetzung mit Hollywood-Konventionen wie der klaren Zuordnungen von Ursache und Wirkung, dem »unsichtbaren« Schnitt und der Konzentration auf eine Hauptfigur mit festgelegten Eigenschaften und Zielen. Wie im Hollywood-Melodram werden alle filmischen Mittel genutzt, um innere Zustände zu vermitteln: Farben, Dekors, Sets und Musik, die Peer Raben für die Fernsehspiele häufig auf wenige prägnante Themen reduzierte, spiegeln die Emotionen der Hauptfiguren. Bei seinen Literaturadaptionen für das Fernsehen ging Fassbinder deutlich werktreuer vor als bei seinen Theaterinszenierungen.

Nicht alle der genannten Unterschiede gelten für jede Fernseharbeit Fassbinders, aber es ist klar, dass er das Fernsehen als eigenes Medium gesehen hat – mit eigenen kreativen Möglichkeiten und Beschränkungen. Die Cologne Conference und der WDR bieten in Fassbinders Jubiläumsjahr die Möglichkeit mit einer Auswahl von Fernseharbeiten für den WDR sich ein Bild zu machen von einer Seite seines Schaffens, die selten gesondert Beachtung erfährt, aber entscheidend war für die Etablierung Fassbinders nicht nur als Säulenheiliger einer intellektuellen Elite, sondern auch als Enfant terrible der Populärkultur, dessen BERLIN ALEXANDERPLATZ oder ACHT STUNDEN SIND KEIN TAG in den Wohnzimmern, Schulklassen und an den Stammtischen der Republik hitzig diskutiert wurden.

Die Cologne Conference möchte sich für die freundliche Unterstützung des WDR, Gebhard Henke, der Filmstiftung NRW, Michael Schmid-Ospach, und der Rainer Werner Fassbinder Foundation, Juliane Lorenz und Annemarie Abel bedanken.