Preisträger (2006)

Autorenpreis 2006 für Florian Henckel von Donnersmarck

Zusammen mit Network Movie verleiht die Cologne Conference auch dieses Jahr wieder den Autorenpreis. Der Preis wirft ein Licht auf die besondere Rolle des Autors bei der Entstehung herausragender Film- oder Fernsehproduktionen. Der Autorenpreis würdigt Autorenpersönlichkeiten, deren Arbeit inhaltlich und stilistisch so gelingt, dass sie Film und Fernsehen in bemerkenswerter Weise bereichern.

In diesem Jahr ist der Autorenpreis zugleich ein Nachwuchs- und damit ein richtungsweisender Preis. Mit dem Autorenpreis 2006 wird der 33-jährige Drehbuchautor und Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck geehrt.

Mit seinem ersten Langspielfilm DAS LEBEN DER ANDEREN wagte von Donnersmarck sich an ein heikles und relevantes Thema. Ihm gelang ein Drehbuch, das facettenreich, aber zurückhaltend, ernst, aber humorvoll von Menschen erzählt, die sich sehr unterschiedlich mit dem Alltag der DDR arrangieren, den Bespitzelung, Mißgunst und Angst beherrschen.

Von Donnersmarck wuchs in New York, Berlin, Frankfurt a. M. und Brüssel auf. Nach seinem Russisch-, Politik-, Philosophie- und Wirtschaftsstudium in Oxford absolvierte er ein Regie-Praktikum bei Richard Attenborough. 1997 schrieb er sich an der Hochschule für Fernsehen und Film München ein. Er drehte diverse Kurzfilme. DOBERMANN (1999), zu dem von Donnersmarck auch das Buch geschrieben hatte, wurde unter anderem mit dem Max-Ophüls-Preis 2000 und dem Prädikat »Besonders wertvoll« geehrt. Den 15-Minüter DER TEMPLER (2002) über die Intoleranz gegenüber Andersgläubigen im Byzanz von 1204, drehte er mit seinem Bruder Sebastian.

Einige Regieaufträge lehnte das Talent Florian Henckel von Donnersmarck ab, um sich auf sein erstes Langfilmprojekt zu konzentrieren: DAS LEBEN DER ANDEREN über ein Liebespaar im DDR-Überwachungsstaat. Viel leisere Töne als in seinen teils gruseligen Thriller-Kurzfilmen schlägt von Donnersmarck hier an. Er bearbeitet den Stoff feinsinnig und präzise, ohne aber Pointen und Schreckensmomente auszusparen. Der bereits mehrfach ausgezeichnete Film besticht durch die exakte Zeichnung der Charaktere und durch Erzählstränge, die so elegant aus- und zueinanderlaufen, dass man vermuten könnte, von Donnersmarck schreibe seit Jahren Drehbücher. Der Autor und Regisseur spinnt seine Fäden weiter. Er arbeitet an diversen Skripts, darunter einem über C. G. Jung und die Psychoanalyse.
Die Cologne Conference gratuliert Florian Henckel von Donnersmarck zum Autorenpreis 2006.


TV Spielfilm-Preis 2006 MEDEA von Theo van Gogh

Die Lust an der Konfrontation kostete Theo van Gogh sein Leben. Am 2. November 2004 wurde der Filmemacher, Schauspieler und Journalist in Amsterdam auf dem Weg zu seiner Produktionsfirma niedergeschossen und anschließend erstochen. Der provokante Islamkritiker war Opfer eines fanatisierten Moslems geworden. Die Berichterstattung nach dem Anschlag hat in den Hintergrund gerückt, dass van Goghs Streitlust nicht beim Islam endete, er war ein leidenschaftlicher Kritiker jeder Form von institutionalisierter Religion – ebenso setzte er sich für die Abschaffung der Monarchie in den Niederlanden ein.

Dass er sich mit seinem letzten fertig gestellten Werk, der TV-Miniserie MEDEA, Euripides’ Klassiker nicht ehrfürchtig nähern würde, war zu erwarten, aber gerade durch seine radikale Modernisierung wird er dem in seiner Zeit ebenfalls alles andere als unumstrittenen Dichter gerecht. Aus der gewaltvollen Sage vom Kindermord der Medea macht van Gogh eine Parabel über die moderne niederländische Politik. Aus Jason wird ein skrupelloser Aufsteiger, Medea ist die Tochter eines geschassten Ministers, die skrupellos Rache nimmt an ihrem Mann. Virtuos verknüpft der Regisseur die verschiedenen Handlungsstränge. Dabei bleibt er mit der Handkamera nah bei seinen Protagonisten, mit atemloser Geschwindigkeit führt er den Zuschauer in eine Welt der Intrigen und des Egoismus’, in der Moral ein Fremdwort zu sein scheint. Und erst im fulminanten Ende offenbart sich, wie nah er dabei der griechischen Tragödie geblieben ist.


Dokumentarfilm-Preis 2006 FOKUS POKUS €UROMATIK

Wie Bilder einer vergangenen Welt wirken die Aufnahmen des Wiener Prater in Borjana Ventzislavovas FOKUS POKUS €UROMATIK. Der Himmel ist grau, nur wenige Menschen stehen vor den Losbuden und Fahrgeschäften, selbst das Riesenrad ist nur spärlich besetzt. Der Rummelplatz wirkt wie ein Relikt aus der Vergangenheit, dennoch ist die Zeit nicht spurlos an ihm vorübergegangen. In Interviews mit den Saisonarbeitern der Vergnügungsgeschäfte zeigt sich der Prater als Mikrokosmos einer modernen, flexibilisierten Arbeitswelt, in der Migranten, besonders aus dem ehemaligen Jugoslawien, in Konkurrenz stehen mit den alteingesessenen Österreichern.

Die Filmemacher Borjana Ventzislavova, geboren in Bulgarien, und Miroslav Nicic, geboren in Jugoslawien, haben in Wien visuelle Mediengestaltung studiert und arbeiten schon seit einigen Jahren gemeinsam künstlerisch. Ihre abstrakte Bildgestaltung und ihre überraschenden Blickwinkel verwandeln den Prater in einen Ort jenseits eines touristischen Blicks. In den Interviews mit den auf dem Rummelplatz Beschäftigten zeigen sich die Regisseure jedoch als klassische Dokumentaristen, die geduldig den Lebensgeschichten, Problemen, Träumen und Hoffnungen ihrer Protagonisten lauschen. Diese Kombination aus künstlerisch-visuellem Anspruch und klassischer dokumentarischer Ethik macht FOKUS POKUS €UROMATIK zu einem außergewöhnlichen Filmerlebnis.