Michael Haneke

CACHÉ handelt ja, wie alle meine Filme, von Kommunikation, von den Schwierigkeiten von Kommunikation. (Michael Haneke)

Das Verstörende ist das Terrain von Michael Haneke. Seine Protagonisten sind vernachlässigte Kinder, gelangweilte Jugendliche, sprachlose Paare oder lebensmüde Familien. Alle fühlen sich fremd in ihrer Haut und in ihrer Umgebung. Sie wirken stets ein bisschen so, als seien sie peinlich berührt. Oft führt Haneke diese fremdelnden Charaktere bis an die Grenzen des Erträglichen. Seine Kamera beobachtet ihr trotziges Insichgekehrtsein ebenso geduldig wie den Moment, in dem sie die eigene Starre nicht länger ertragen und aus der Haut fahren.

Die Filme sind so angelegt, dass sie den Zuschauer irritieren sollen. Nur eine Irritation bewirkt irgendetwas in mir, sagt Haneke. Wenn mich ein Film in irgendeiner Weise ein bisschen verunsichert und irritiert, habe ich damit etwas gewonnen. Ich denke, dass das die Aufgabe von jeder Art künstlerischer Betätigung ist, nicht die Vorurteile und Sicherheiten zu bestätigen, die wir haben, sondern unser Infragestellen zu befördern.

Der 1942 in München geborene Österreicher ist in Wiener Neustadt aufgewachsen. Seine Eltern waren Schauspieler. Er studierte Philosophie, Psychologie und Theaterwissenschaften, arbeitete als Redakteur und Fernsehspieldramaturg, bevor er sich als Drehbuchautor und Theaterregisseur immer mehr dem Kino annäherte.

Haneke wird oft danach gefragt, ob und wie seine Erfahrungen als Kind und als Jugendlicher seine filmische Arbeit beeinflussen. Er antwortet nicht darauf. Nur einmal erzählte er einem Interviewpartner, dass er als Kind dabei zugeschaut habe, wie einem Huhn der Kopf abgeschlagen wurde und wie das Huhn dann mit abgehacktem Kopf herumgesprungen sei. Dass derartige Eindrücke ihn faszinieren und inspirieren hat Haneke wiederholt bewiesen. Vergleichbare Momente tauchen in seinen Filmen verschlüsselt auf. Ein Bild wie das vom amputierten Huhn überträgt er auf seine Figuren. Er stellt die Unfähigkeit oder die Verletzung eines Protagonisten vor und registriert dann minutiös, wie dieser damit umgeht. Dabei zeigt Haneke so etwas selten in eindeutiger Krassheit. Oft deutet er bloß an, zeigt die unterdrückten Absichten seiner Charaktere und setzt genau dann Leerstellen, wenn die Eskalation einsetzt. Er hält seine Zuschauer dazu an, das Weggelassene, das Unausgesprochene mit eigenen Vorstellungen zu ergänzen.

Erst mit 31 Jahren begann Michael Haneke Filme zu drehen. Vom Südwestfunk, bei dem er seit 1967 als Dramaturg arbeitete, erhielt er 1973 die erhoffte Chance, mit …UND WAS KOMMT DANACH? (AFTER LIVERPOOL) seinen ersten Fernsehfilm zu drehen. Es folgten weitere Filme für das Fernsehen: DREI WEGE ZUM SEE (1976), LEMMINGE (1979), VARIATION (1983), WER WAR EDGAR ALLAN? (1984), FRÄULEIN – EIN DEUTSCHES MELODRAM (1986), NACHRUF FÜR EINEN MÖRDER (1994) sowie die Kafka-Adaption DAS SCHLOSS (1997).

Hanekes erster Kinofilm DER SIEBENTE KONTINENT feierte 1989 in Cannes im Rahmen der Reihe »Quinzaine des realisateurs« seine Premiere. DER SIEBENTE KONTINENT ist der erste Film aus Hanekes »Trilogie der emotionalen Vereisung«, die auch BENNY’S VIDEO und 71 FRAGMENTE EINER CHRONOLOGIE DES ZUFALLs einschließt. Alle drei Filme handeln von körperlicher und seelischer Gewalt. Mit seinem viel zitierten Diktum von der emotionalen Vereisung umschreibt Haneke die Tendenz von Menschen, sich aufgrund der Undurchdringlichkeit und Unbeherrschbarkeit der Welt, von der Umwelt abzukapseln und sich in die Angst zu flüchten. Dass hierdurch der Kontakt zwischen Menschen einfriert, hat Haneke in vielen seiner Filme deutlich herausgearbeitet. Die Gefahr, dass dieser Gletscher abtaut, besteht nicht, glaubt Haneke.

Seit der Trilogie dreht Haneke regelmäßig für das Kino. 1997 führte er bei FUNNY GAMES Regie. CODE INCONNU mit Juliette Binoche in der Hauptrolle erschien im Jahr 2000. Der breite internationale Durchbruch gelang Haneke mit DIE KLAVIERSPIELERIN nach der Romanvorlage von Elfriede Jelinek. Neben anderen Preisen gewann Haneke für DIE KLAVIERSPIELERIN in Cannes 2001 den »Großen Preis der Jury« sowie die Preise »Beste Darstellerin« für Isabelle Huppert und »Bester Darsteller« für Benoît Magimel, der den Klavierschüler spielt. Der Erfolg ermöglichte es Haneke, sein lang geplantes Werk WOLFZEIT zu finanzieren und 2002 zu realisieren. Doch der aufwendig ausgeleuchtete, meist nachts spielende, schwer zugängliche Film gilt als Hanekes düsterstes Werk und fiel beim Publikum durch. Dabei zeigt Haneke hier, welche Sinnesreize ein Regisseur mittels 35mm-Filmtechnik herzustellen vermag. Die kunstvoll gestalteten Bilder und der mysteriöse Plot von WOLFZEIT haben eine Intensität, die nur gutes Kino vermitteln kann.

Für den in Paris angesiedelten Film CACHÉ erhielt Haneke bei den Filmfestspielen von Cannes 2005 den Preis für die »Beste Regie« sowie den Europäischen Filmpreis.

Im Januar 2006 feierte die erste Operninszenierung des Regisseurs, der einst Konzertpianist werden wollte, an der Pariser Oper Premiere: Mozarts DON GIOVANNI.

Hanekes besessen minutiöse Beobachtung seiner Charaktere und sein Hang Stimmungen genau auszuloten, ist nicht mit Kälte gleichzusetzen. Wer die Abgründe, die sich zwischen Menschen auftun und deren kläglich scheiternde Kommunikationsversuche so genau schildern will, wie Haneke es tut, muss sich tief in die Gefühlswelten und Schicksale seiner Figuren vorwagen und die Hitze ertragen, die beim Versuch Nähe herzustellen, entsteht.

Die Schauspielerin, die bereits zwei Hauptrollen in Haneke-Filmen spielte, erklärt das Geheimnis von Hanekes Regiearbeit. Er bringt die menschlichen Schwächen ans Licht. Und er arbeitet präzise, mit scharfem, analytischem Verstand. Michael kommt ursprünglich vom Theater, aus einer Tradition, die sich auf die Kraft der Dramaturgie stützt. Er verfügt über eine ganzheitliche Sicht, die seinen Film trägt. Die Präzision, mit der Michael arbeitet, erinnert mich an die eines Musikers, sagt Juliette Binoche. In CODE INCONNU und in CACHÉ spielt sie jeweils Figuren, die Anne heißen, so wie die meisten Frauen in Hanekes Filmen, wenn sie nicht Anna heißen.

Als beim Theater und Fernsehen geschulter Dramaturg beherrscht Haneke das Handwerkszeug des Erzählens. Und er verliert nie den Überblick über die Verzahnung der Szenen und deren Bezug zum Gesamtwerk. Nur deshalb kann er es sich erlauben, Plots zu konstruieren, die jenseits von Konventionen sind. Haneke lässt Lücken, er lässt Menschen Unerklärtes und unfassbare Dinge tun, er lässt Geschichten offen enden, er vermischt die sogenannte Realität mit der Medienfiktion. Er verstört.