Filmpreis Köln

Claire Denis

Mit dem von der Film- und Medienstiftung NRW und der Stadt Köln gestifteten und mit 25.000 Euro dotierten Filmpreis Köln wird in seinem zehnten Jubiläumsjahr die französische Regisseurin Claire Denis geehrt. Gewürdigt werden Persönlichkeiten, die durch ihr Schaffen in herausragender Weise zur Weiterentwicklung der Film- und Mediensprache beigetragen haben.


Die erste Einstellung zeigt einen Blick ins Offene: einen Strand, das Meer und zwei Gestalten, die aus dem Meer auftauchen, ein dunkelhäutiger Mann und ein Kind, die einander in den flach hereinrollenden Wellen lachend jagen. Dann beginnt ein Schwenk bis eine weiße Frau ins Bild rückt. Sie sieht den beiden aus der Ferne zu. Wenig später werden der Einheimische und sein Sohn ihr anbieten, sie im Auto mitzunehmen. Die Fremde heißt »France« – ein symbolträchtiger Name. Aber mit der Geschichte des Landes ist sie auch persönlich verbunden: Während wir noch meinen, mit den Augen der erwachsenen Frau auf die vorbei gleitende Landschaft des Kamerun zu blicken, hat sich ein Zeitsprung ereignet. Das Kind France sitzt gemeinsam mit einem jungen Afrikaner auf der Ladefläche eines Jeeps. Wir sind am Ausgangspunkt ihrer Reise angekommen.

Der Film heißt CHOCOLAT. Claire Denis, die Regisseurin, 1946 in Paris geboren, hat als Tochter eines Kolonialbeamten Teile ihrer Kindheit unter anderem in Kamerun verbracht. Die Mutter hat ihr Interesse am Kino mit Erzählungen über Filme geweckt: Etwas nicht wirklich Vorstellbares, eine Verheißung – als ihre Großeltern sie später zu Zeichentrickfilmen mitnehmen, ist sie erst einmal enttäuscht (wie sie im Interview in Marjorie Vecchios 2014 publizierten Band THE FILMS OF CLAIRE DENIS erzählt). Ende der 60er-Jahre bewirbt sie sich erfolgreich an der Pariser Filmhochschule. Sie dreht einige Kurzfilme, Auftragsarbeiten, aber zunächst arbeitet sie nach dem Abschluss als Regieassistentin: mit Jacques Rivette, Wim Wenders, Jim Jarmusch u.a. – auch weil sie lange meint, die herrschenden Produktionsbedingungen würden ihr nicht erlauben, eigene Projekte in ihrem Sinn umzusetzen.

Im Mai 1988 wird Claire Denis’ Spielfilmdebüt CHOCOLAT im Wettbewerb von Cannes uraufgeführt (die Goldene Palme holt dann Bille Augusts PELLE, DER EROBERER). Ihr fünfter Spielfilm NÉNETTE ET BONI erhält 1996 in Locarno den Hauptpreis, die beiden Schauspielpreise gehen an Valeria Bruni-Tedeschi und Grégoire Colin. 1999 feiert BEAU TRAVAIL außer Konkurrenz beim Festival in Venedig Weltpremiere, spätestens mit dieser betörenden, freien Adaption von Herman Melvilles Erzählung BILLY BUDD ist die Regisseurin als eine bedeutende zeitgenössische Autorenfilmerin international etabliert. Wie Denis Lavant als Fremdenlegionär Galoup vor der verspiegelten Wand einer Disco hemmungslos zu »The Rhythm of The Night« tanzt, das gehört zu den bleibenden Szenen der Kinogeschichte.

In klassischen Filmerzählungen wird das Publikum entlang unsichtbarer Leitlinien durch die Geschichte geführt. Die Filme von Claire Denis funktionieren nicht nach diesen Vorgaben dramaturgischer Einhegung und konventioneller szenischer Auflösung (vom Überblick zum Detail, usw.). Die Filme sind wendig, wirken erst sprunghaft, unberechenbar. Sie verführen zum Blick auf Details. Sie verlangen die Bereitschaft, zu sehen und erst dann begreifen zu wollen, nach und nach und im Erinnern Zusammenhänge zu erkennen – so wie France in CHOCOLAT. Manches wird offen bleiben. Sie gehöre, so sagt Denis gerne, jenem Lager von FilmemacherInnen an, die dem Bild vertrauen.

Die Filme wirken wie aus Augenblicken zusammengesetzt. Wer schaut – das muss fortwährend neu bestimmt werden; das Kameraauge führt ein Eigenleben. In Summe ergibt das atmosphärische Dichte und Intensität. Ein junger Mann namens Boni wachträumt sich allein unter Blümchenbettwäsche zum dominanten Liebhaber der feschen Nachbarin, bis er kommt. Die Sequenz ist sehr sinnlich, geladen und zugleich sehr dezent. Man sieht vor allem Bonis nackten Rücken, Muskelbewegung unter der Haut – höchste Erregung landet mit dem rhythmischen Gurgeln der Kaffeemaschine wieder im Alltag. NÉNETTE ET BONI ist eine Studie der Adoleszenz in ihrer Widersprüchlichkeit, gespiegelt in der Stadt Marseille. Nicht erst mit diesem Film rückt Denis französische Gesellschaft sehr selbstverständlich als eine postkoloniale, heterogene ins Bild.

Nach CHOCOLAT bleiben ihre Filme in der Gegenwart. Manchmal greifen sie deutlicher aufs Genrekino zurück: auf den Horrorfilm in TROUBLE EVERY DAY oder den »polar«, das eisige französische Äquivalent zum film noir, in LES SALAUDS, der ökonomische und sexuelle Potenz im Missbrauch hart zusammenschließt. Ein Science-Fiction-Film ist derzeit in Produktion. Die Filme greifen ineinander – das liegt an der elliptischen Erzählweise und an thematischen Linien. Die familiären Bindungen zwischen Bruder und Schwester (US GO HOME, NÉNETTE ET BONI, LES SALAUDS) sind immer wieder tragender als jene zwischen den Generationen oder unter Liebenden. Gleichzeitig erzählt 35 RHUMS auf den Spuren des Japaners Yasujiro Ozu, wie sich eine ungemein innige Beziehung zwischen Vater und Tochter mit der Zeit wandeln muss. Und man kann das als eine (glückhafte) Variation des verfahrenen Verhältnisses von Nénette und ihrem Vater sehen. Genau so wie die von Isabelle Huppert in WHITE MATERIAL verkörperte und fest in Afrika verwurzelte Kaffeefarmerin eine Form sein könnte, die Figur France weiterzuerzählen.

Der Zusammenhang gründet auch darin, dass Claire Denis über Jahrzehnte währende Arbeitsbeziehungen geknüpft hat: Darsteller wie Isaach de Bankolé, Grégoire Colin, Alex Decas oder Michel Subor sind gewissermaßen ihre Stammspieler, mehrfach hat sie mit Béatrice Dalle, Nicholas Duvauchelle, Vincent Gallo, Alice Houri oder Vincent Lindon gearbeitet. Jean-Pol Fargeau gehört als häufiger Koautor ebenso zum »Planet Claire« wie die Tindersticks als Komponisten und Interpreten der Originalmusik. Hinter der Kamera besetzt Agnès Godard eine Schlüsselposition, die als kongenialer director of photography für beinahe alle Filme Denis’ die eigentümlich atmenden Bilder einrichtet, ausleuchtet, aufnimmt. O-Ton Claire Denis im DVD-Extra von LES SALAUDS: »Zwischen mir und meiner Kamerafrau Agnès Godard gibt es dieses Ritual, das uns hilft den Film zu verstehen, und das sind die Probeaufnahmen: Die Leseproben haben stattgefunden. Alles ist vorbereitet. Die Orte sind gefunden. Und dann machen wir Tests, die uns erlauben, in den Film einzutreten. Wir können die Dekors, die Originalschauplätze ausprobieren und den Regen, die Kostüme, die Farben. Das Team kann miteinander vertraut werden – und mit den Darstellerinnen und Darstellern. Wir können herausfinden, wie diese in die Kleider und Räume des Films passen, ohne sich dabei ungemütlich zu fühlen.« Und dann kann es losgehen. Isabella Reicher

Das Festival widmet Claire Denis eine ausführliche Retrospektive.

Claire Denis berichtete am 14. Oktober um 17 Uhr bei einem öffentlichen Werkstattgespräch über ihre Arbeit.


Preisträger der vergangenen Jahre:

2015     Paolo Sorrentino
2014     Lars von Trier
2013     Harmony Korine
2012     François Ozon
2011     Tarsem Singh
2010     David Lynch
2009     Roman Polanski
2008     Jean-Pierre Dardenne und Luc Dardenne
2007     Paul Haggis