Donn A. Pennebaker & Chris Hegedus

Seit den frühen siebziger Jahren produziert das Familienunternehmen Pennebaker Hegedus Films aus den U.S.A. unabhängige Dokumentarfilme, darunter zuletzt international so aufsehenerregende Werke wie THE WAR ROOM – DIE KOMMANDOZENTRALE, der 1994 als bester Dokumentarfilm für den Oscar nominiert wurde. Während Sohn Frazer Pennebaker als Manager und Produzent im Hintergrund die Fäden zieht, spüren die Filmemacher Donn Alan Pennebaker und Chris Hegedus den Geschichten nach, wie sie sich aus realen Situationen in Politik und Pop-Kultur heraus entwickeln. Als Zwei-Personen Crew, mit leichten Handkameras und ohne aufwendige Beleuchtungsapparate begeben sie sich direkt in die Situationen. Ihr unaufdringlicher fly-on-the wall-Style erlaubt es ihnen, zu beobachten ohne störend einzugreifen. Auf Regieanweisungen, Interviews und leitenden Kommentar (Voice-of-God) wird verzichtet, eindeutige Stellungnahmen vermieden. Die Protagonisten ihrer Filme, zumeist in Krisen- oder Wettbewerbssituationen, bestimmen stets selbst was geschieht; so wie der Zuschauer gezwungen ist, sich ein eigenes Bild zu machen. So entstanden Portraits voller Aufrichtigkeit und Intimität von berühmten Persönlichkeiten wie den Kennedys, Jane Fonda, Franz-Josef Strauß, John DeLorean, Bob Dylan, Bill Clinton, Marius Müller-Westernhagen u.a.

»Für uns ist entscheidend, daß die Person mit etwas beschäftigt ist, was ihr viel bedeutet…und das in einem Moment, wenn viel auf dem Spiel steht. Ein gewisser Druck muß da sein, eine Sache nicht einfach nur richtig oder gut zu erledigen, sondern sich durch außergewöhnliches Verhalten auszuzeichnen, wenn unsereins sich mit Mittelmäßigkeit begnügen würde. Wenn man das Glück hat, wer aber vor allem auch geduldig und hartnäckig genug ist, jemanden in diesen Momenten durch das Drama des realen Lebens zu folgen, kann mindestens genauso emotional bewegende Szenen einfangen, wie sie ein inszenierter Spielfilm bietet.« (D.A. Pennebaker und Chris Hegedus)

Der Name Pennebaker führt jedoch zunächst weit zurück in die Filmgeschichte, denn bereits seit über 45 Jahren dreht Donn Alan Pennebaker Filme. Geboren wurde er 1925 in Evanston, Illinois. Nach Studium am Massachussetts Institute of Technology (M.I.T.) graduierte er in Yale im Fach Mechanical Engineering. Nach einem 1 ½-jährigem Einsatz in der Navy im Zweiten Weltkrieg, arbeitete er zunächst als leitender Ingenieur an einem texanischen Kraftwerk. Sechs Monate später kam es zur Gründung von Electronics Engineering, seiner eigenen Firma, die neben anderen Projekten an der Entwicklung und Herstellung des ersten computergesteuerten Reservierungssystems für Fluglinien beteiligt war. In jener Zeit begegnete D.A. Pennebaker dem Filmemacher Francis Thompson, der ihm seinen ersten, noch unfertigen Film namens NYNY vorführte: eine Bilderserie, aufgenommen in New York City im Stile des abstrakten Films, unterlegt mit den Klängen Bartoks. Dieses kleine Kunstwerk, die virtuose Montage von Bild und Klang/Musik, bezeichnet Pennebaker als Initialzündung für sein zukünftiges Filmschaffen. Gerüstet mit einer Cine’-Special (windup)-Kamera aus der Pfandleihe und einem starken Weitwinkel-Objektiv aus Kriegsrückständen machte er sich auf und drehte seinen ersten Kurzfilm: DAYBREAK EXPRESS (1953) wurde nach dem gleichnamigen Stück Duke Ellingtons benannt, das den Film begleitet und zeigt die alte Third Avenue in New York City kurz vor ihrem Abriß. Gideon Bachmann schrieb damals in Film Culture: »Einer der besten Filme über diese Stadt, den ich je gesehen habe.«

Film-/Fernsehhistorische Bedeutung erlangte D.A. Pennebaker durch seine Pionierleistungen in der dokumentaristischen Bewegung des Direct Cinema: Das Ziel, das bis dahin gebräuchliche, schwerfällige Synchrontonequipment durch die Entwicklung einer neuen, handlicheren zu ersetzen, brachte ihn Ende der fünfziger Jahre mit Richard Leacock, Robert Drew, Albert Maysles und Terry Filgate zusammen. Mit Unterstützung von Time Inc., die bereit waren, die technischen Experimente zu finanzieren, kam es schließlich zu einem professionellen Projekt: Drew Associates sollte den Film als journalistisches Medium etablieren. In den folgenden vier Jahren produzierte das Team nicht nur die revolutionäre und weithin gefeierte LIVING CAMERA-Serie für die Fernsehgesellschaft ABC, sondern war maßgeblich an der Entwicklung der ersten leichten und vollständig tragbaren 16mm-Filmausrüstung mit kabellosem Synchronton beteiligt.

Die Inhalte der LIVING CAMERA-Filme decken ein breites Spektrum ab, von Jane Fonda bei ihrem Broadway-Debut 1962 (JANE) bis hin zur Konfrontation zwischen Jusitzminister Robert Kennedy und Gouverneur George Wallace um die Aufhebung der Rassentrennung an der University of Alabama (CRISIS, 1961). Filme wie THE CHAIR (1962) oder PRIMARY (1960) geben spannungsreich Einblick in die juristischen bzw. politischen Räderwerke und wurden paradigmatisch in den Kanon der Film/Fernsehgeschichte aufgenommen.

»Cinema Verité stellt keine Fragen an die Menschen, außer die nach der Erlaubnis, sie zu filmen.« (Stephen Mamber, Cinema Verite in America. Studies in Uncontrolled Documentary.)

In formaler Hinsicht versuchte das Direct Cinema mehr als jede andere dokumentarische Methode, den Zuschauern das Gefühl zu geben, unmittelbar an den gefilmten Ereignissen teilzuhaben, am Schauplatz dabeizusein und Personen zu beobachten, die auch ohne die Anwesenheit des Filmteams so und nicht anders agiert hätten. Die Rolle der Filmemacher ist die von Beobachtern, die idealerweise ohne vorgefaßte Meinungen und Drehpläne an ihr Projekt herangehen und die Ereignisse im Prozeß ihrer Entfaltung mit Kamera und Mikrophon zu entdecken und einzufangen suchen. Sie arbeiten spontan, ohne Drehbuch, stellen keine Fragen, geben keine Anweisungen und vermeiden während der Aufnahme jede direkte Kommunikation mit den gefilmten Personen. Aus heutiger Sicht kann man nur erahnen, wie revolutionär die technischen Neuerungen und ästhetischen Strategien des Direct Cinema zu damaliger Zeit gewirkt haben mögen, heutzutage gehören sie zur Standardpraxis des Dokumentarfilms und der Reportage. Dennoch warnt Pennebaker vor einer allzu starken Stilisierung der Bezeichnung Direct Cinema und leistete Widerstand gegen die an journalistischen Kriterien der »Objektivität« orientierten Verfahren der Drew-Gruppe. Dagegen setzt er auf die ästhetische Autonomie des Filmemachers bei der Organisation des filmischen Materials gegenüber der Vermittlung von »Wirklichkeit, wie sie ist.« Auch vermeidet er tunlichst das Wort »dokumentarisch«, denn »Dokumentarfilm«, so Pennebaker, »das ist an der Kinokasse der Kuß des Todes.« Er bevorzugt hingegen die Bezeichnung »beobachtetes Drama« für seine Arbeiten.

1964 gründete D.A. Pennebaker mit Richard Leacock seine eigene Firma, Leacock Pennebaker, Inc. und widmete sich hier vor allem seinem Faible für Musik. Er spezialisierte sich im Zuge der immer breiteren Ausbildung jugendlicher Sub- und Protestkultur auf deren Identifikationsfiguren wie Timothy Leary, Jimi Hendrix oder Bob Dylan (DON’T LOOK BACK, 1966). Filme wie MONTEREY POP (1967) oder KEEP ON ROCKIN’ (1972) sind einzigartige Zeitdokumente, die nicht einfach Musiker bei der Arbeit zeigen, sondern Rockkonzerte als gegenkulturelle Rituale sichtbar machen. Die filmische Methode Pennebakers und Leacocks, die unmittelbare Teilhabe an den Events, das »Mittendrin«, nahm schon damals entscheidende Aspekte der heute etablierten Videoclip-Ästhetik vorweg.

In den späten siebziger Jahren begann die Zusammenarbeit Pennebakers mit seiner Partnerin und späteren Frau, Chris Hegedus. Sie hatte an zwei progressiven Colleges im Osten der U.S.A. Kunst studiert und war über die Photographie zum Experimentalfilm und multimedialen Kunstformen gekommen. Als Kamerafrau wurde sie erstmals an der Klinik der University of Michigan tätig, wo sie die Arbeit auf der Station für schwere Brandverletzungen dokumentierte. 1975 zog Hegedus nach New York City, wo sie schnell Kontakt zu einer Gruppe von Filmkünstlern fand, die sich damals zunehmend politischen Themen zuwandten. In dieser Zeit traf sie auf Pennebaker. Ihr erster gemeinsamer Film, TOWN BLOODY HALL (1979), gibt Eindrücke von der schon legendären feministischen Debatte zwischen Norman Mailer und der Women’s Liberation-Bewegung, angeführt von Germaine Greer, Jill Johnston und Diane Trilling. Aus bloßen, unzusammenhängenden Versatzstücken montierte Chris Hegedus einen schlüssigen Feature-Film, der in politischen Kreisen wie von der Filmkritik gefeiert wurde. 1977, entstand unter Mitwirkung von Pennebaker und Hegedus THE ENERGY WAR, ein fünfstündiges Special für den öffentlich-rechtlichen Sender PBS. Über zwei Jahre lang dokumentierten sie einen der größten Legislaturkonflikte in der Geschichte der U.S.-amerikanischen Politik, stets vor Ort, als sich Präsident Carter, der Energy Secretary James Schlesinger sowie Kongressabgeordnete und Lobbyisten ihre Rededuelle lieferten. »Einer der besten politischen Filme, die jemals gemacht wurden«, urteilte die Harvard‘s Kennedy School of Government.

Von nun an arbeiteten Pennebaker und Hegedus als festes Team zusammen; Produktion, Regie, Kamera und Schnitt wurde von nun an gemeinsam bestritten. Schnell fanden ihre Behind-the-Scenes-Portraits berühmter Persönlichkeiten und besonderer Ereignisse wie auch ihr gleichermaßen zwangloser und subtiler Stil internationale Anerkennung und verschaffte ihnen zunehmend Zugang zu Situationen, die filmischer Dokumentation gewöhnlich verborgen bleiben. Filme über den umstrittenen Automobil-Unternehmer John DeLorean (DELOREAN, 1981), den Komponisten und Pulitzer Prize-Gewinner Elliot Carter (ELLIOTT CARTER AT BUFFALO, 1980) oder auch ROCKABY(1981), ein Stück, das Samuel Beckett speziell für diesen Film geschrieben hatte, und DANCE BLACK AMERICA(1983) über das afro-amerikanische Tanzfestival der Brooklyn Academy of Music sind nur einige Beispiele aus der umfangreichen Pennebaker/Hegedus-Filmographie. Mit THE WAR ROOM, der den systematischen Aufbau der Medienpersönlichkeit Bill Clinton während der Präsidentschaftskampagne 1993 hautnah verfolgt, konnte ein vorläufiger Höhepunkt erreicht werden: Der Film führt direkt ins Zentrum der Macht und läßt ohne Kommentar die medialen Bedingungen des Politischen in heutiger Zeit deutlich werden. 1994 wurde THE WAR ROOM als Best Documentary Feature für den Oscar nominiert.

Noch vor dem weltweiten Siegeszug MTV’s traten mehrere Musikunternehmen an Pennebaker und Hegedus heran, ihre unter Vertrag stehenden Künstler zu filmen. Das Video zu Randy Newman’s BALTIMORE (1980, Warner Rec.), uraufgeführt in der berühmten Sendung SATURDAY NIGHT LIVE, wurde zum Prototypen für die Form des Musikvideos, die seitdem zu einem maßgeblichen Medium für Musik avanciert ist. Wohler fühlen sich Pennebaker und Hegedus jedoch bei der Dokumentation von Live-Auftritten oder einem Blick hinter die Kulissen.

»Was ich an diesen Filmen liebe«, so Hegedus, »ist, daß ich in das Leben von jemanden hineinversetzt werde und Einblicke bekomme, die mir sonst niemals gewährt worden wären. Jede Erfahrung ist faszinierend und unvorhersehbar. Auf diesem Wege habe ich viele Freundschaften gewonnen, denn auch nach dem Drehen bleibt eine sehr spezielle Verbundenheit. Zusammen haben wir eine sehr außergewöhnliche Erfahrung in unserem Leben gemacht.«

Und Pennebaker: »Es ist schon aufregend, beinahe schon im pornographischen Sinn aufreizend, zu jemandem durch das Auge der Kamera eine Beziehung herzustellen.«

1987 folgten sie der Sängerin/Songwriterin Victoria Williams in ihre Heimat an den malerischen Lousiana Bayou (VICTORIA – HAPPY COME HOME). Aus der Anfrage der Columbia Records, ein Live-Video des Jazz-Saxophonisten Branford Marsalis und seinem Trio zu drehen, wurde THE MUSIC TELLS YOU (1992) , ein einstündiges On-the-Road-Movie. Mit DEPECHE MODE 101 (1989) war man auf einem Fan-Bus unterwegs, der die britsche Elektro-Pop-Band 1988 zum letzten, 101. Konzert ihrer US-Tour begleitete. Jüngst folgten Pennebaker und Hegedus einer Einladung aus Deutschland, um den deutschen Rock-Musiker Marius Müller-Westernhagen auf seiner Tour durch deutsche Fußballstadien zu portraitieren. Das Resultat war der Film KEINE ZEIT (1996), der u.a. mit der Unterstützung der Filmstiftung NRW zustande kam.

Idealtypisch verkörpern Hegedus und Pennebaker das Arbeitsprinzip des »filming couple«. Nach langer Partnerschaft heirateten sie im Jahre 1982 und leben mit ihren beiden Kindern in Manhattan und Sag Harbour, N.Y.: »Ich habe die beste Zeit meines Lebens damit verbracht, diese Filme zu machen, reisen, Material schneiden – Szenen ausdenken nachts in meinen Träumen. Es ist mehr als ein Nine-to-Five-Job, es ist meine Kunst und ich kann es mir nicht besser vorstellen als diese mit jemandem zusammen auszuüben, den ich liebe und respektiere.«

Die Retrospektive der Cologne Conference will die Vision dieser außergewöhnlichen »filmischen Beobachter« nachvollziehen. Abgesehen vom Werdegang der beiden Filmemacher, soll vor allem ihre dokumentarische Arbeitsweise im Vordergrund stehen, wie sie sich auf dem Schnittfeld von Film und Fernsehen entwickelt hat.

Dank gilt der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen, deren Förderung die Retrospektive der Cologne Conference zum zweiten Mal ermöglicht hat. Für die freundliche Unterstützung bei der Zusammenstellung des Programms bedanken wir uns zudem bei Gerhard Schmidt (Gemini Filmproduktion), Walter Greifenstein (Bayerischer Rundfunk) und vor allem bei Frazer Pennebaker.