Götz George

Auf Platz 1 der deutschen Idole wurde Götz George vor kurzem in einer großen deutschen Publikumszeitschrift gekürt und verwies damit nicht nur den Bundespräsidenten, sondern auch sämtliche Jungstars des neuen deutschen Films auf die Plätze. Gefeiert auf deutschen Bühnen, in Kino und Fernsehen – Götz George ist vielleicht der einzige wirkliche Schauspieler-Star unseres Landes: Eine Persönlichkeit, die jenseits kurzlebiger Trends, durch kontinuierliche Leinwand- und Bildschirmpräsenz bei Kritiker und Publikum für Aufmerksamkeit sorgt, die Anspruch und Popularität, Erfolg und produktiven Eigensinn in ihrer Person vereint. Seit den fünfziger Jahren verkörpert George durch sein nuancenreiches Schauspiel den deutschen Charakterdarsteller par excellence. In diesem Jahr darf er sich auf sein fünfzigjähriges Bühnenjubiläum und seinen sechzigsten Geburtstag freuen. Als Grenzgänger zwischen Kino und TV hat er unverwechselbare Figuren mitgeschaffen und gestaltet, die als feste Bezugsgrößen in nahezu jedem Zuschauerkopf lebendig sind.

Besessen von der Schaupielerei erarbeitet sich Götz George mit großer Präzision seine Rollen und überzeugt vor allem durch die ihm eigentümliche physische Präsenz und Intensität des Ausdrucks. Seine darstellerische Vielseitigkeit ermöglicht es ihm dabei, starre Festlegungen auf bestimmte Typen und Genre zu vermeiden. Schon in sehr frühen Jahren hatte er sich freigespielt und diametral entgegengesetzte Figuren verkörpert. Die Stunt-Szenen für seine Rollen erledigt George soweit wie möglich selbst. Dennoch gelingt es ihm, die glamouröse und facettenreiche Kunstfigur Götz George von der Privatperson (»Ich lebe angenehm langweilig.«) professionell zu trennen und so Zuverlässigkeit und Kontinuität zu verbürgen. Gemessen wurde er stets nur über seinen Beruf als Schaupieler. »Das einzige, was mich wirklich ausmacht, und das einzige, worauf ich wirklich stolz bin, ist, daß ich es in diesem Land ohne Skandale, ohne Kloppereien, ohne Besäufnisse, ohne Partys, so weit gebracht habe.«

Internationales Ansehen brachte ihm zuletzt seine Rolle in DER TOTMACHER. (Screening-on-demand, Rheinterrassen). Romuald Karmakar inszenierte dieses intensive filmische Kammerspiel, das die Verhöre des psychopathischen Massenmörders Franz Haarmann (Götz George) rekonstruiert. Auf engstem Raum nutzt George dieses 110-minütige Forum für eine einzigartige Ein-Mann-Show und bringt mit Präzision die Inbrunst und Besessenheit des berüchtigten TOTMACHERS zum Ausdruck. Für die Rolle wurde Götz George auf den Filmfestspielen in Venedig 1995 als Bester Darsteller mit dem Goldenen Löwen geehrt

Untrennbar verbunden mit dem Schauspieler Götz George ist die Figur des Horst Schimanski in der ARD-Sendereihe Tatort. Der Duisburger Hauptkommissar ist seit der Ausstrahlung des nunmehr legendären DUISBURG-RUHRORT 1981 zum populärsten, anfangs auch umstrittenen, deutschen Serienstar avanciert. Durchschnittlich drei Folgen im Jahr sicherten Götz George in der Rolle des ruppigen »Alternativbullen« und GROSSSTADT-COWBOYS AUS DEM KOHLENPOTT zwischen 1981 und 1991 unvermindert hohe Einschaltquoten und Zuschauersympathien. Die erfolgreichen Filme ZAHN UM ZAHN und ZABOU bestätigten später auch die Kinowirksamkeit der Figur. Kultartige Hommagen in Büchern, Schallplatten und im Bereich Herrenmode etablierten Schimanski als festen Markenartikel. Die Figur selbst war eine Bereicherung des Genres, und nicht nur wegen Dosenbier, fliegenden Fäusten und Obrigkeitsfeindlichkeit. Wenn Schimanski das Gesetz übertritt, geschieht es, weil er sein unbürokratischster Hüter ist. Gleichzeitig war das Männerbild, das er verkörpert, erfrischend neu, denn »das ist der große Bruder mit Herz – und mit breiten Schultern dazu, zum Anlehnen. Vor Götz George haben die Frauen keine Angst.« (Alice Schwarzer). Und nicht zuletzt das symbiotische Zusammenspiel Schimanskis mit dem inzwischen verstorbenen Eberhard Feik als Kommissar Thanner ist unerreicht und sichert den Schimanski-Tatorten schon jetzt einen arrivierten Platz in der TV-Historie. Seit 1997 werden wieder neue Folgen mit Götz George als Schimanski produziert.

Sein Werdegang als Schauspieler begann jedoch ganz klassisch auf der Bühne. Sein Vater Heinrich George, berühmter Schaupieler, Theaterregisseur und später Intendant des Schiller-Theaters, war der große Heldenstar: Die großen Rollen WALLENSTEIN, FALLSTAFF, OTHELLO, FAUST oder der GÖTZ VON BERLICHINGEN schienen ihm auf den Leib geschrieben. Die Legende will, daß letzterer für den Vater so sehr Identifikationsfigur war, daß er den Sohn nach ihm benannte. Auf der Leinwand wurde Heinrich George schnell zu einem der beliebtesten deutschen Schauspieler. Berühmt machte ihn vor allem die Rolle des Maschinenarbeiters Groth in Fritz Langs METROPOLIS, später überzeugte er als Emile Zola in Richard Oswalds DREYFUS. Wie sich auch angesehene und ausdrucksstarke Persönlichkeiten benutzen lassen, zeigt die Biographie Heinrich Georges: In vollem Glauben an seine darstellerische Profession war er in HITLERJUNGE QUEX oder JUD SÜSS Teil der nationalsozialistischen Propaganda. Er war knappe dreiundfünfzig Jahre, als er 1946 im sowjetischen Internierungslager Sachsenhausen an den Folgen einer Blinddarmentzündung starb. Für den jungen Götz George war der Vater das große Vorbild. Im Hause George wurde viel über das Theater gesprochen, zudem sah er viele Filme des Vaters. So wirkte die Begegnung mit dem Vater und dessen Werk nachhaltig auf den Sohn, obwohl er ihn nur acht Jahre seines Lebens erleben konnte.

Die Mutter Götz Georges, Berta Drews, gehörte zu den großen Charakterdarstellern des deutschen Nachkriegstheaters. Nach Studium an der Berliner Musikhochschule – sie wollte ursprünglich Sängerin werden -, lernte sie anschließend Schauspiel bei Max Reinhardt. Ihren künstlerischen Durchbruch feierte sie 1931 an der Berliner Volksbühne in Frank Molnars LILIOM als Marie neben Hans Albers in der Titelrolle. Das Ende des Krieges und der Tod ihres Mannes Heinrich George bedeutete für sie einen tiefen Einschnitt. Sie mußte für den Unterhalt sorgen, die Kinder großziehen und gleichzeitig eine neue Karriere aufbauen. Nach erneutem Bühnenerfolg wirkte sie auch in Kinofilmen mit, u.a. in Wolfgang Petersens Kinodebüt EINER VON UNS BEIDEN und als Oma Anna in Volker Schlöndorffs DIE BLECHTROMMEL.

Auch Götz George war zu Beginn seiner Karriere vor allem Bühnenschauspieler, liebte das Theater, den Kontakt mit dem Publikum. »Götz George, Heinrichs Sohn – Thalia erhalte ihm seine hochtalentierte Unbefangenheit«, so schwärmte die Kritik nach seinem ersten Bühnenauftritt. Geformt hat ihn Heinz Hilpert in Göttingen. Er verschaffte dem jungen George, der mit dem ganzen Pathos des Übervaters an das Göttinger Theater gekommen war, die Möglichkeit, das ganze Repertoire des Theaters zu spielen. Fortan spielte George Klassiker und die Moderne, arbeitete mit jungen wie mit erfahrenen Regisseuren. Nach dem Tod Heinz Hilperts ließ sich George dann nicht mehr für ein festes Ensemble engagieren, betritt die Bühne nur noch für Gastspiele und Tourneen.

Seine Kino-Karriere begann Götz George in Komödien, Krimis, Schul- und Liebesgeschichten zu Beginn der Fünfizger Jahre: PAPAS KINO. Der Fünfzehnjährige war Partner der jungen Romy Schneider in WENN DER WEISSE FLIEDER BLÜHT und buhlte um die Gunst von Johanna von Koczian in Wolfgang Liebeneiners JACQUELINE (12. Juni, 21.30 Uhr, Cinenova). Auf gut zwei Dutzend Spielfilme brachte es Götz George zwischen 1953 und 1968, spielte unter anderem mit Sonja Ziemann, Elke Sommer und Marie Versini. Von seinem Talent und seiner weiteren Entwicklung kündeten schon damals mehrere Auszeichnungen: 1960 erhielt er das Filmband in Silber, einen Bundesfilmpreis für seine sympathische Boxer-Rolle in JACQUELINE. 1961 folgte der Preis der Deutschen Filmkritik für seine Rolle in KIRMES von Wolfgang Staudte. Gemeinsam mit Loni von Friedl, die später fast zehn Jahre lang seine Frau und Partnerin war, wurde er 1962 zum ersten Mal als beliebtester Schauspieler mit dem Bambi ausgezeichnet.

Zusätzliche Popularität gewann Götz George mit seinen Rollen in den Karl-May-Adaptionen des österreichischen Arnold-Fanck-Schülers Harald Reinl. Mit den teilweise in Jugoslawien gedrehten Winnetou-Filmen kreierte dieser nicht nur ein Erfolgs-Genre für die Bundesrepublik, sondern begründete gleichzeitig den »europäischen Western«. In diesen ersten deutschen Western spielte Götz George neben Lex Barker (Old Shatterhand) und Pierre Brice (Winnetou) den jugendlichen Helden Fred Engel, für den er ebenfalls mit dem Bambi belohnt wurde. (UNTER GEIERN, 13. Juni, 15.30 Uhr, Cinenova).

Waren in dieser Zeit auch viele Filme, in denen George agierte, Dutzendware, so stellte spätestens die Darstellung des Deserteurs Robert Mertens in Wolfgang Staudtes KIRMES eine große Herausforderung dar. Es war die erste Hauptrolle in einem Film, der internationale Anerkennung fand und neben Bernhard Wickis DIE BRÜCKE und Kurt Hoffmanns WIR WUNDERKINDER zu den wenigen westdeutschen Filmen gehörte, die sich zu der Zeit ernsthaft mit dem Thema Nationalsozialismus auseinandersetzten. Wie der 1963 ebenfalls mit Wolfgang Staudte entstandene Film HERRENPARTIE, der mit dem ewig deutschen Nationalismus und Militarismus abrechnete, sorgte der Film für kontroverse Reaktionen. Da vor allem HERRENPARTIE sein Publikum nicht fand, startete man in der konservativen Presse Polemik gegen den Film. Für Götz George bedeuteten die beiden Staudte-Filme den künstlerischen Durchbruch. Gleichzeitig lag aber der deutsche Film so darnieder, daß sich der begabte deutsche Nachwuchs mit begrenzten Entwicklungschancen begnügen mußte, oder – wie Romy Schneider – das Glück im ausland suchen mußte. Erst Jahre später erhielt Georges Stellung in der Geschichte des anitfaschistischen Kinos eine erneute Bestätigung: In der nüchternen Film-Studie AUS EINEM DEUTSCHEN LEBEN (14. Juni, 18.30 Uhr, Cinenova) besetzte ihn Theodor Kotulla 1976 für die Rolle des Franz Lang alias Rudolf Höß, des Lagerkommandanten des Konzentrationslagers Auschwitz. Beklemmend kühl und bewegungslos spielt George den Kommandanten Höß als Biedermann und Massenmörder, der zwischen 1941 und 1944 Millionen von Juden in den Tod schickte.

Ende der sechziger Jahre, in der Aufbruchstimmung des Neuen Deutschen Films, schien Götz George nicht recht in die neue Kinolandschaft zu passen. Er war nicht der leichtgewichtige Typ für die lockeren Produktionen des jungen Films. Andererseits erschien er auch zu bürgerlich, vielleicht auch zu traditionell in seiner Auffassung von Schauspielerei, Theater und Film, als daß er dorthin hätte gehören können, wo Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders und Werner Herzog arbeiteten. Die geplante Zusammenarbeit zwischen Fassbinder und George, die Arbeiter-Familienserie ACHT STUNDEN SIND KEIN TAG, scheiterte an Mißverständnissen und terminlichen Schwierigkeiten.

So boten sich Götz George in den Jahren 1970 bis 1976 in der Bundesrepublik kaum Kino-Rollen an, so daß er sich in dieser Zeit erneut auf das Theater konzentrieren konnte. Auf der anderen Seite etablierte er sich als zunehmend beliebter Fernsehdarsteller, der vor allem in Kriminalreihen wie KOMMISSAR, TATORT, DER ALTE oder Mehrteiler à la CAFÉ HUNGARIA oder ZWISCHEN DEN FLÜGEN eingesetzt wurde. Sicherlich bewahrte ihn das Fernsehen in dieser Phase vor einem deutlichen Karriereknick, gleichzeitig gebührt ihm das Verdienst, die rigide Trennung von Fernsehen und Kino in der Bundesrepublik Deutschland exemplarisch immer wieder unterwandert zu haben. Schießlich galten hierzulande noch so begabte Darsteller, die in einer Unterhaltungs-Show gespielt hatten, fürs Kino langezeit als untragbar. Durch seine reiche Kinovergangenheit war Götz George in einer besseren Situation und spielte trotz Fernseh-Engagements auch immer wieder entscheidende Rollen in erfolgreichen Kinofilmen. Mit ambitionierten Projekten wie Carl Schenkels ABWÄRTS (14. Juni, 22.00 Uhr, Cinenova), Dominik Grafs DIE KATZE (16. Juni, 21.00 Uhr, Cinenova), Frank Beyers DER BRUCH oder auch Reinhard Hauffs BLAUÄUGIG (15. Juni, 19.00 Uhr, Cinenova) bewies er seine darstellerische Vielseitigkeit und entwand sich so immer wieder der Festlegung auf die TV-Figur Horst Schimanski.

Inzwischen verfügt Götz George über die Möglichkeit, sorgfältig aus den Filmangeboten auswählen zu können und versucht, »nur noch das anzunehmen, wovon man glaubt, daß es einem Spaß macht und daß man es körperlich und seelisch noch verkraften kann.« Dieses Privileg nutzt der ehrgeizige George jedoch zur weiteren Demonstration seiner Vielseitigkeit, dies besonders erfolgreich im Fach des Komödiantisch-Grotesken: SCHTONK! (17. Juni, 21.00 Uhr, Cinenova), die Komödie um die legendären Hitlertagebücher, inszeniert von Helmut Dietl, wurde mit dem Deutschen Filmpreis (Filmband in Gold) ausgezeichnet. Ebenfalls unter der Regie von Helmut Dietl erklomm George 1996 zusammen mit dem closed shop der deutschen Filmprominenz höchst amüsant die Meta-Ebene des deutschen Filmgeschehens. Die voyeuristische Satire ROSSINI – ODER DIE MÖRDERISCHE FRAGE, WER MIT WEM SCHLIEF (Screening-on-demand, Rheinterrassen) war großes Kino in der Zeit seiner Simulation und wurde mit Auszeichnungen überhäuft.

Mit der BUBI SCHOLZ STORY macht Götz George wieder Fernsehen, allerdings der besonderen Art: In der aufwendig produzierten und erstklassig besetzten Biographie des Boxidols Gustav »Bubi« Scholz, sieht man George in einer Paraderolle: Der tragische Niedergang des deutschen Volkshelden der sechziger Jahre, Alkoholexzesse, Wutausbrüche und der Sturz in totale Hilflosigkeit – wer sonst könnte den alternden Bubi Scholz mit der entsprechenden physischen Präsenz und Dynamik besser darstellen? Die Cologne Conference freut sich sehr, diese herausragende Produktion der MTM West Film & Television (in Koproduktion mit Premiere Productions, WDR, NDR, SFB und BR) in der Top Ten-Reihe als Kino-Uraufführung präsentieren zu können.

Die Würdigungen und Ehrungen des Fernsehschauspielers Götz George waren zahlreich in den letzten Jahren. Im Mittelpunkt der Retrospektive der Cologne Conference stehen daher seine Arbeiten für das Kino. Ein Gang durch die Jahrzehnte soll die Karriere und die Vielseitigkeit des außergewöhnlichen Schauspielers nachvollziehen. Anstelle der vielgezeigten großen Erfolge jüngerer Zeit wie DER TOTMACHER oder ROSSINI, die jedoch beide als Screenings-on-demand verfügbar sind, kommen vor allem auch frühe Werke (JACQUELINE) und weniger häufig gezeigte Arbeiten (BLAUÄUGIG) zur Vorführung.

Dank für die freundliche Unterstützung bei der Zusammenstellung des Programmes gilt allen Produktionsfirmen, Verleihern und Kopierwerken, die uns Filmkopien zur Verfügung gestellt haben sowie der Agentin Götz Georges, Frau Ute Nicolai, Herrn Heiko R. Blum und den Filmmuseen in Potsdam und Düsseldorf.