Tim Roth

Eine der schönsten Anekdoten aus dem Reich der Filmmythen rankt sich um die Entdeckung von Tim Roth für die große Leinwand: während die Crew von Alan Clarke in einem Londoner Theater für den Fernsehfilm MADE IN BRITAIN probte, platzte Tim Roth herein, um sich eine Fahrradpumpe zu leihen – ein platter Reifen vor dem Oval House Theatre, der Rest ist Filmgeschichte!

Die schrieb der am 14. Mai 1961 in Süd-London geborene Sohn eines Journalisten und einer Landschaftsmalerin schnell. Zwar hatte der wohlbehütet in einem liberalen, politisch links orientierten Elternhaus in Londons Arbeiterviertel Dulwich aufgewachsene Tim sich zunächst für die darstellende Kunst entschieden. Am Camberwell College of Art begann er ein Studium der Bildhauerei, das er aber bald abbrach: Er merkte schnell, daß er es in dieser Profession nie zu wirklicher Größe bringen würde und entschied sich für die Schauspielerei.

Ohne jemals eine klassische Ausbildung absolviert zu haben, holte ihn Philip Prowse an sein berühmtes Citizens Theatre in Glasgow, wo er in Jean Genets THE SCREENS debütierte. Weitere Theaterengagements folgten, darunter am The Royal Court und am Oval House. Er spielte Kafka, DIE VERWANDLUNG und DER PROZESS, und trat sowohl in Steven Berkoffs Bühnenversion von Kafkas METAMORPHOSIS als auch in der TV-Verfilmung des Stücks durch Jim Goddard auf. Dann kam der erste, aufsehenerregende Fernsehauftritt in MADE IN BRITAIN. Alan Clarkes vielbeachteter, beinahe prophetischer TV-Film um eine rassistisch verblendete, gewalttätige Jugend ohne jede Chance verlieh einer ganzen Generation der restriktiven Thatcher-Ära eine Stimme – und Tim Roth wurde ihr Sprachrohr.

Diese frühe Erfahrung hat ihn geprägt: Alan Clarke, der 1990 54jährig starb, verehrt er als professionelles Vorbild. Clarke drehte schon damals die schonungslos-realistischen Low-Budget-Filme, die ihn später bei den amerikanischen Independents so begeistern sollten. Und Chris Menges, der bei MADE IN BRITAIN die Kamera führte, habe ihm das Spielen erst beigebracht.

In seinen ersten Fernseharbeiten – MADE IN BRITAIN und MEANTIME – legte er den Grundstein für sein Image als der ewige Underdog. Seine Selbstverpflichtung zu absoluter Wirklichkeitsnähe und sein untrügbarer Instinkt für eine Rolle sind seine Markenzeichen geworden.

Als der Prototyp des jungen Wilden des NEW BRITISH CINEMA machte er in den 80er Jahren von sich reden, in den Filmen von Mike Leigh, Alan Clarke und in Stephen Frears THE HIT, für den er einen bedeutenden britischen Darstellerpreis gewann. Mit Chris Menges drehte er nach der gemeinsamen Arbeit an MADE IN BRITAIN das Apartheids-Drama ZWEI WELTEN, mit Agnieszka Holland  DER PRIESTERMORD. Es folgten vielbeachtete Filme für Peter Greenaway (DER KOCH, DER DIEB, SEINE FRAU UND IHR LIEBHABER) und Robert Altman (VINCENT UND THEO). All diese Arbeiten zeigen sein enormes Rollenspektrum – denn wenn er auch immer wieder gerne den wütenden Outcast gibt, festlegen läßt er sich auf dieses Image nicht.

Tom Stoppards von der Kritik hochgelobter, in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneter ROSENCRANTZ UND GÜLDENSTERN SIND TOT brachte ihn wieder mit seinem Landsmann Gary Oldman zusammen, mit dem er bereits in MEANTIME vor der Kamera gestanden hatte. In vielem folgte der Angry Young Prole dem Beispiel seines hochgeschätzten Kollegen und Freundes: Wie Oldman verkörpert er die Unerbittlichen, die Harten und Getretenen, die Gewalttätigen, und wie ein anderer großer Kollege, Daniel Day-Lewis, steht er ein für eine Schauspielerei der direkten Art, der Figuren-Identifikation bis zum Exzess.

Der Ur-Brite, der nie verwinden konnte, was die Thatcher-Epoche seinem Land angetan hatte, trat, wie vor ihm Gary Oldman, 1990 seinen Weg nach Amerika an. Und hier gelang ihm, einem der wandlungsfähigsten und versiertesten Darsteller unserer Zeit, der große Durchbruch in den aufrührerischen Welten des Independent Films. Hier fand er seine Weggenossen, Regisseure, die die Art von Filmen realisierten, die er sich vorstellte. (oder: von denen er träumte). Spätestens seit Quentin Tarantinos PULP FICTION und RESERVOIR DOGS ist er aus dem Mikrokosmos des kantigen Gangster-Kinos nicht mehr wegzudenken. Als hätte er nie einen britischen Akzent besessen, verkörperte er so uramerikanische Charaktere wie den kalifornischen Cop in RESERVOIR DOGS oder den New Yorker Emigranten in LITTLE ODESSA. Ihm gelang nicht nur mühelos der Karriereanschluß im »gelobten (Film)land«, es sollte ihm zu seinem internationalen Durchbruch verhelfen.

Doch stets hielt er auch den beruflichen Kontakt zur alten Heimat. Die Renaissance, die der britische Film- und Fernsehmarkt in den frühen 90ern erlebte, brachte ihm Parts in Nicolas Roegs ambitionierter Joseph Conrad-Verfilmung HEART OF DARKNESS und den BBC-Produktionen THE COMMON PURSUIT und THE PRISONER ein.

Ein weiterer Höhepunkt in Tim Roth’ Karriere folgte mit der Rolle des schurkischen Cunningham in Michael Caton-Jones Epos ROB ROY, die mit Nominierungen für den Oscar und den Golden Globe als Bester Nebendarsteller belohnt wurden. Danach machte er seinem Ruf als wandlungsfähiger Character Actor in immer neuen Rollen alle Ehre: In Woody Allens ALLE SAGEN: I LOVE YOU stellte er seine Sangeskünste unter Beweis, und in Vondie Curtis Halls GRIDLOCK’D gab er überzeugend den verzweifelten Junkie.

1998 erfüllte sich der Vater zweier Söhne einen lange gehegten Traum und wechselte ins Regiefach. Sein Debüt THE WAR ZONE ist ein schmerzvoll eindringlicher Film über ein Tabu-Thema, das ihn schon immer interessierte. »Mir hat die Idee gefallen, einen Film über das zu machen, was Eltern ihren Kindern antun. Ich wußte, das würde eine große Herausforderung für mich – nicht nur aufgrund des Themas, sondern auch weil es bedeutet, daß ich mit zwei ganz jungen Menschen in den Hauptrollen arbeiten würde.«
Mit THE WAR ZONE nach Alexander Stuarts 1989 veröffentlichter gleichnamiger Novelle hat er einen äußerst unamerikanischen Film geschaffen, weit jenseits des Mainstream. Und er hat gleich für sein Regiedebüt eine ganz eigene Sprache gefunden, ohne Schielen auf den Markt oder die Erfolgsrezepte einträglicher US-Produktionen. Ihm geht es in erster Linie darum, Film als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit zu begreifen und einzusetzen.
Und für Tim Roth ist »Inzest (…) ein wichtiges Thema, eines, das in Filmen nie ehrlich behandelt wird. Der Vater in meinem Film ist an der Oberfläche ein »normaler« Mann, er ist nicht gewalttätig oder depressiv, und das zeigt, daß Inzest keine sozialen oder ökonomischen Grenzen kennt. Inzest kommt überall vor, und seine Auswirkungen sind immer verheerend.«

Das Regieführen hatte den eigensinnig begnadeten Darsteller labiler Außenseiter und notorisch schwieriger Charaktere schon immer gereizt, aber er hatte sich nie getraut, für die Zeit eines eigenen Filmprojekts das Schauspielern aufzugeben. Arbeit nämlich ist dem exzessiven Schauspieler, der für jedes einschneidende Ereignis in seinem Leben auf dem rechten Arm ein Tattoo trägt – bis jetzt sind es fünf – ganz wichtig, er kann sich nichts schrecklicheres vorstellen, als längere Zeit ohne Job zu sein. Und weil Amerika ihn liebt und mit immer neuen Aufträgen versorgt, liebt er dieses Land, in dem der mürrische, introvertierte, freudlose Englishman paradoxerweise ja auch den ganz großen Erfolg gefunden hat. Den wiederum trägt er nach Europa zurück: Tim Roth bewegt sich gleichermaßen erfolgreich auf dem neuen wie dem alten Kontinent. Nach seinem Regiedebüt steht er derzeit für seinen Landsmann Roland Joffé in der französischen Produktion VATEL vor der Kamera, neben Gérard Depardieu und Uma Thurman.

Die Cologne Conference freut sich ganz besonders, diesem Ausnahme-Schauspieler und Regie-Debütanten ihre diesjährige Retrospektive zu widmen. Damit setzt sich der Festival-Reigen fort, der mit der Aufführung von THE WAR ZONE dieses Jahr im Rahmen der QUINZAINE DES RÉALISATEUR bei den Filmfestspielen in Cannes begann und mit der Teilnahme von Guiseppe Tornatores LA LEGGENDA DEL PIANISTA SULL’OCEANO mit Tim Roth in der Hauptrolle bei der Musikbiennale fortgesetzt wird.
Und seit Nicolas Roegs bildgewaltiges Epos HEART OF DARKNESS 1994 im Programm der Cologne Conference seine Weltpremiere erlebte, ist der Brite mit dem markanten Gesicht und der eindringlichen Schauspielgabe nicht mehr aus unserem Blickfeld gerückt. Wir freuen uns ganz besonders, mit Tim Roth einen der innovativsten und einprägsamsten Schauspieler und, wie sein Regiedebüt zeigt, richtungsweisenden neuen Regisseure des europäischen Kinos mit einer Werkschau zu ehren.