Errol Morris

Errol Morris: Detective-Director

»God is love – Backwards It’s Dog« (Inschrift am Eingang eines kalifornischen Tierfriedhofs, in Errol Morris‘ GATES OF HEAVEN, 1978)

»Wenn wir das Rätsel der Welt schon nicht lösen können, so sagte der amerikanische Dokumentarfilmer Errol Morris einmal in einem Interview, »dann ist es unser Job, zumindest zu versuchen, es zu erforschen.« Verschlungen jedoch sind die Wege zum Geheimnis der Welt, die Morris geht: Eine Büroangestellte, die sich vor allem zu Serienkillern hingezogen fühlt. Ein Mann, der den Kopf seiner Mutter tiefgefroren an geheimer Stelle aufbewahrt oder eine Autistin, die sich in Rinder einfühlt und Interieurs von Stallungen und Schlachtanlagen gestaltet. Der filmische Kosmos, in den Errol Morris einlädt, gleicht einem Panorama menschlicher Absonderlichkeiten. Seine Protagonisten sind Getriebene, verstrickt in ihre Obsessionen inmitten des amerikanischen Alltags. Virtuos mischt Morris Wissenschaft, Poesie und den reinen Wahnsinn, und was als Portrait exzentrischer Einzelfiguren beginnt, entwickelt sich als gehobene Meditation über die erratische Natur des Menschen.

Sechs vielfach preisgekrönte Dokumentarfilme hat Morris seit 1978 geschaffen, unterbrochen von einem kurzen Ausflug zum Spielfilm. Seit den achtziger Jahren dreht der Regisseur, der mit eigener Produktionsfirma unabhängig arbeitet, auch Werbefilme. Internationales Ansehen erreichte der ehemalige Werbefilmer mit Portraits wie A BRIEF HISTORY OF TIME (1992, Di, 26.6.) über den gelähmten Physiker Stephen Hawking und MR. DEATH (1999, Sa, 23.6., Fr, 29.6.), der die enge Lebenswelt eines Ingenieurs für Hinrichtungsmaschinen nachzeichnet.

Wahrheitsfindung und populäre Erkenntnistheorie

Bei allem erkennbaren Stilwillen und seiner Detailversessenheit ist Morris‘ Technik durchaus umstritten. So spielen Inszenierungen auf Bild- und Tonebene, insbesondere der Filmmusik, für den »Nonfiction-Auteur« (Morris über Morris) eine tragende Rolle. Für die effektvolle Montage von Archivmaterial, Nachrichtenbildern, Interviews und nachgestellten Szenen mit Slow Motion-Effekten haben ihn die Puristen des Cinéma Verité aus der Gemeinde echter Wahrheitsforscher längst exkommuniziert. Adepten des sogenannten New Documentary hingegen feiern seine ironische, reflexive und vielschichtige Stilistik. So sind Morris‘ Filme immer auch Interventionen in die Politik der filmischen Repräsentation. Ein Glücksfall dokumentarischen Arbeitens, bleiben sie in ihrer populären Form, ihrer emotionalen Wirkung und ihrem Publikumsappeal, doch stets auch erkenntnistheoretische Baustellen.

Die Verweigerung, seine Filme mit einer einfachen Wahrheit zu beschließen, wurde vor allem in Morris bislang letzten abendfüllenden Dokumentarfilm MR. DEATH von 1999 kritisiert. Das Portrait des Experten für Tötungsmaschinen und Holocaust-Leugners Fred A. Leuchter enthält sich der Dämonisierung und veranschaulicht in dem glücklosen Werdegang des redlichen Ingenieurs vielmehr Hannah Arendts These von der Banalität des Bösen. »Life is too complex and evanescent to provide closure in a documentary about someones identity and deeds,« fordert Morris den mündigen Zuschauer. Dennoch gelingen ihm immer wieder auch große Enthüllungen, Glücksmomente des investigativen Dokumentarismus – am spektakulärsten wohl in THE THIN BLUE LINE (1988, Do, 21.6.), einem Film über einen Polizistenmord in Dallas im Jahre 1976. Morris weist nicht nur nach, dass der angebliche Täter zu Unrecht verhaftet wurde, sondern bringt auch den wahren Täter vor laufendem Tonband zu einem Geständnis.

Überhaupt ist Sprache für Morris der Schlüssel zu seinen abgründigen Geschichten. Erst in der unvermittelten Äußerung und offensichtlichen Selbstinszenierung offenbaren sich menschliche Schicksale. Im Mittelpunkt seiner Filme stehen daher zuvorderst »Talking Heads«, die in ausgedehnten, durchaus gesteuerten Interviews frontal in die Kamera sprechen. Zur Optimierung dieser Situation entwickelte Morris eine neue Aufnahmetechnik, das sogenannte Interrotron, das erstmalig in dem international gefeierten FAST,CHEAP & OUT OF CONTROL (1997, Di, 26.6, Do, 28.6) zum Einsatz kam. Konstruiert aus einem Teleprompter ermöglicht das Interrotron, das später zum Megatron weiterentwickelt wurde, den direkten Blick des Interviewten in die Kamera und damit zum Zuschauer. So erzeugen die Bilder eine besondere Überlebensgröße und geradezu hypnotische Wirkung.

Philosophie, Serienkiller und der »Forensische« Blick

Das Fundament für sein komplexes Ouevre legte Morris (Jg. 1948) mit seinem Philosophie-Studium, vor allem jedoch durch seine tiefe Faszination für lebenslange, menschliche Passionen. Zwei Jahre arbeitete er zudem als Privatdetektiv, was ihm half, seinen »forensischen« Blick zu schärfen und Fragmente der Realität zu einer Geschichte zusammenzusetzen. Entsprechend sieht er sich selbst eher als »Detective-Director« denn als »Writer-Director«. Ohne zu zögern unterbrach er seine akademische Abschlussarbeit, als sich etwa die Möglichkeit ergab, in Kontakt zu dem berühmten Serienkiller Ed Gein zu treten. Bei seinen Recherchen traf Morris auf Werner Herzog, dessen Mitarbeiter und Freund er später wurde. Er fräße seinen Schuh, hatte der deutsche Autorenfilmer seinerzeit versprochen, wenn Morris in der Lage wäre, seinen Film GATES OF HEAVEN (1978, Mi, 27.6., Fr, 29.6.) fertigzustellen. Und Herzog sollte in den Genuss kommen, wie WERNER HERZOG EATS HIS SHOE (1980, Do, 21.6., Mo, 25.6., Sa, 30.6.) des renommierten Filmemachers Les Blank dokumentiert.

Heute gehört Morris, der mit seiner Familie in Cambridge/Massachussetts lebt, zu den wenigen Filmemachern und Produzenten, die in der unübersichtlichen Nonfiction-Welt einen eigenen Stil profilieren konnten und dessen Werke es auch auf die große Kinoleinwand schaffen. Zuletzt entwickelte er für Bravo TV und Channel 4 die TV-Serie FIRST PERSON (2000, Fr, 22.6, Sa, 23.6., So, 1.7.), die im Rahmen der Cologne Conference erstmalig in Deutschland zu sehen ist. Mit der Serie halbstündiger Interviews, an der er seit Mitte der 90er Jahre arbeitete, erweist er sich einmal mehr als Chronist menschlicher Exzentrik – doch ohne sich jemals zu distanzieren oder seine Protagosnisten gar zu denunzieren. Selbst ein Getriebener, fühlt sich Morris seinen Interviewpartnern und ihren Obsessionen verbunden: »I am very much like my characters…..«

Die Cologne Conference freut sich, gemeinsam mit dem Filmhaus das Ouevre diesen außergewöhnlichen »Nonfiction Auteur« präsentieren zu können. Die Werkschau wird vom Filmbüro NW e.V. gefördert und im Verbund mit dem Filmmuseum München organisiert.