Wolfgang Menge

Gejagt werden zur Stunde drei Kandidaten, die in MISSION: GERMANY, der neuen Show auf ProSieben, quer durch Deutschland rennen – von Zuschauern per Internet und Fernseher ständig beobachtet. Die sportliche Menschenjagd via Bildschirm ist eine Kopie bereits erfolgreicher Formate wie THE HUNT in den Niederlanden oder THE RUNNER in den USA. Für die Gejagten sind 150.000 Euro drin, und der Sender verspricht eine neuartige TV-Attraktion: die Kombination aus Real-life Agenten-Thriller, Internet und interaktivem Fernsehen. Genau dieses Szenario aber hatte bereits 1970 der Drehbuchautor Wolfgang Menge nach einer Kurzgeschichte entworfen und mit DAS MILLIONENSPIEL (Regie:Tom Toelle) bis dato das größte Zuschauer- und Medienecho der frühen deutschen Fernsehgeschichte ausgelöst.

 Es ist die fiktive Live-Präsentation einer Menschenjagd im Privatfernsehen, in der es nicht so harmlos zugeht wie bei ProSieben: Der Gejagte wird von echten Mördern gehetzt, kassiert im Überlebensfall jedoch eine Million Mark. Ähnlich dem Effekt des Hörspiels KRIEG DER WELTEN von Orson Welles 1938 nahmen Tausende von Bundesbürgern dieses Szenario für bare Münze, liefen Sturm gegen die Macher oder bewarben sich gleich selbst für die Killer-Rolle. Hitzige öffentliche Diskussionen darüber, was das Fernsehen darf und was nicht, wurden entfesselt. Endgültig zum Mythos wurde die Sendung durch einen Urheberrechtsstreit, der DAS MILLIONENSPIEL nach nur einer Wiederholung 1971 auf Eis legte. Doch der ist jetzt nach langen juristischen Bemühungen des WDR behoben: Nach mehr als 30 Jahren kann nun die erste Wiederaufführung des TV-Juwels im Rahmen der Cologne Conference gefeiert werden. Die Cologne Conferennce nimmt das zum Anlass, dem Drehbuchautor und vielfachen Preisträger Wolfgang Menge (»Grimme-Preis«, »Bambi«, »Prix Italia« etc.) eine Werkschau zu widmen und gleichzeitig eine Fernseh-Epoche zu beleuchten, in der das (damals noch ausschließlich) öffentlich-rechtliche Fernsehen zwar ein überschaubares Angebot, doch ein wichtiges Regulativ für die Meinungsbildung war. Die herausragende Bedeutung Menges im Fernsehspiel der späten sechziger und frühen siebziger Jahre zeigte sich bereits in frühen Stücken wie DIE DUBROW-KRISE. Darin beschrieb Menge schon 1969 die Konsequenzen eines möglichen Mauerfalls und der Wiedervereinigung, die heute längst von der Wirklichkeit bestätigt sind. Neben politischen Entwicklungen und abgründigen Tendenzen der Medienwirtschaft (DAS MILLIONENSPIEL, EIN MANN VON GESTERN) hat er in SMOG 1973 auch eine ökologische Katastrophe als Planspiel entworfen, was ähnlichen Staub aufwirbelte wie zuvor DAS MILLIONENSPIEL. Wie ein Seismograph erfasste er stets die Achillesfersen der jungen Republik und gestaltete unterschwellige kollektive Zivilisationsängste aus, lange bevor sie manifest waren. Ähnliche Sensoren, allerdings auf dem wissenschaftlich-technologischen Sektor, bewies neben ihm noch Rainer Erler, dessen Serie DAS BLAUE PALAIS und der Fernsehfilm FLEISCH bereits in den siebziger Jahren von Gen-Manipulation und Organmafia erzählten. Wolfgang Menges Geschichten sind vielfach Reportagen, Essays und Fiktion gleichzeitig – tatsachenverliebt und wirklichkeitssüchtig. Die Maxime, stets so viel zu die kleinste Dialogzeile hinein. Gerade sein Sinn für das beiläufig Symptomatische und Alltägliche zeichnet ihn aus – das Ungeheuerliche in einem Satz behält den leichten Ton und bleibt dank kongenialer Inszenierung der Regisseure unspektakulär. Ein Stück weg von der schnörkellosen Präzision der Gesellschaftssatire bewegte sich Menge in den späten siebziger Jahren mit nostalgischen Rückschauen auf Vergangenes wie in WAS WÄREN WIR OHNE UNS, dem vielfach ein Aroma der Harmlosigkeit attestiert wurde. Warum auch nicht – der große Mahner will der Autor Menge ja gar nicht sein, eigentlich fühlt er sich als erstes dem Vergnügen der Zuschauer verpflichtet. Nicht nur in seinen präzisen Analysen politischer Mechanismen (FRAGESTUNDE) sondern auch in seinen Genrestücken wie der Gaunerkomödie VIER GEGEN DIE BANK, (Regie Wolfgang Petersen), hat er es stets wunderbar verstanden, spannende Unterhaltung zu schaffen. Auch seine Serienschöpfung für den TATORT, der wilde Zollfahnder Kressin, war eher der Freude am Genre als der Realität verpflichtet. Für beides standen dem Kosmopoliten Menge angelsächsische Vorlagen und Fernsehformate Pate – wie auch für STAHLNETZ, und EIN HERZ UND EINE SEELE. Wolfgang Menge, der in Berlin und auf Sylt lebt, schreibt auch weiterhin für öffentlich-rechtliche Sender und hatte zuletzt als Autor des Films KELLY-BASTIAN GESCHICHTE EINER HOFFNUNG wieder einen deutschen Stoff bearbeitet. Er distanzierte sich jedoch von dem Stück, was er vor allem der historischen Ungenauigkeiten in der Inszenierung des Stückes zuschrieb. So lässt sich der Titel der heute bei ProSieben reüssierenden Show durchaus zum Grundprinzip in Menges Arbeit erheben: Bis heute ist er ein unduldsamer Kämpfer in Sachen MISSION: GERMANY, ein Chronist deutscher Nachkriegs- und Mediengeschichte. Die Auswahl aus insgesamt über hundert Filmen, die unter Menges Autorschaft entstanden sind, zeigt sowohl deutsche Kinounterhaltung als auch wegweisende deutsche Fernsehfilme, die ästhetisch und inhaltlich in ihrer Präzision noch heute aktuell sind. Die Regisseure – Wolfgang Petersen, Tom Toelle und Peter Zadek – waren teils langjährige Wegbegleiter Menges und auf ihre Weise ebenfalls Ausnahmeerscheinungen. Außerdem erlauben sie ein Wiedersehen mit Regisseuren wie Wolfgang Petersen, Tom Toelle und Peter Zadek, die teils langjährige Wegbegleiter Menges und auf ihre Weise ebenfalls Ausnahmeerscheinungen sind. Einen Großteil dieser Filme verantwortet der WDR, der mit seiner produktiven und hilfsbereiten Unterstützung die Werkschau erst möglich gemacht hat. Die Cologne Conference freut sich besonders, gemeinsam mit dem Sender zur Wiederaufführung von DAS MILLIONENSPIEL laden zu können – in Anwesenheit des geehrten Autors selbst, des Regisseurs Tom Toelle und der Darsteller.