Oliver Storz

IM SCHATTEN DER MACHT, eine zeitgeschichtliche Parabel über die Spionageaffäre um Günter Guillaume und den Rücktritt Willy Brandts, eröffnet das Internationale Fernseh- und Filmfest – Cologne Conference 2003. Dies ist der Anlass, dem vielfach preisgekrönten Autor und Regisseur Oliver Storz, einem der großen Kreativen der deutschen Fernsehgeschichte, die diesjährige Werkschau zu widmen.

IM SCHATTEN DER MACHT ist in vielerlei Hinsicht ein klassischer Oliver Storz-Film. Die jüngere Vergangenheit liefert ihm den Stoff und die Ausgangssituation. Auf dieser Grundlage entwickelt er eine Filmgeschichte um menschliche Konflikte von allgemeingültiger Ordnung, getragen von einer Riege eindrucksvoller Schauspieler, die unter seiner Regie überragende Leistungen zeigen. Von solchen Kunststücken gelangen ihm einige im zurückliegenden Jahrzehnt: DREI TAGE IM APRIL – 1994 im Auftrag des SDR zum Gedenktag des 8. Mai 1945 inszeniert und mit dem    Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet – zeigt Menschen zwischen Zivilcourage und Paralyse in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges. GEGEN ENDE DER NACHT, unmittelbar nach Kriegsende angesiedelt, schildert die verstörende Liebesgeschichte zwischen einem amerikanischen Secret-Service-Mann (Stefan Kurt) und einer jungen Deutschen (Karoline Eichhorn), die als ehemalige KZ-Wärterin im Verdacht steht. Der Film erhielt 1999 den Grimme-Preis.

Dabei hatte Oliver Storz, 1929 in Mannheim geboren und im Schwäbischen aufgewachsen, eigentlich eine andere Laufbahn eingeschlagen: Nach dem Germanistik-, Romanistik- und Anglistikstudium in Tübingen arbeitete er zunächst in seinem erlernten Beruf als Gymnasiallehrer. Anschließend wechselte er für drei Jahre als Kritiker und Feuilletonredakteur zur Stuttgarter Zeitung und trat 1960 in die neu gegründete Fernsehspielabteilung der Bavaria Film GmbH ein. Hier trafen sich die Talente und Fernsehpioniere jener Jahre wie Franz Peter Wirth (TARTORT, DIE BUDDENBROOKS, 1979), Rainer Erler (DAS BLAUE PALAIS, 1974-76) und eben auch Oliver Storz, der der Bavaria bis 1974 als Autor, Dramaturg und Produzent verbunden blieb.
In dieser Zeit schrieb er bereits zahlreiche Fernsehspiele, zeigte jedoch gleichzeitig eine ganz andere Seite seiner Fähigkeiten: Als Produzent und Kollektiv-Autor mit Pseudonym war Oliver Storz an der Entwicklung der einzigen »echten« deutschen Kult-Serie RAUMPATROUILLE ORION beteiligt. Maßgeblich prägte er die sieben Folgen der Science-Fiction-Serie aus der noch jungen Format-Schmiede Bavaria, die 1966, etwa zeitgleich zum U.S.-Start des Raumfahrt-Klassikers RAUMSCHIFF ENTERPRISE, in der ARD auf Sendung ging.
Genrekompetenz und das Gespür für innovative Unterhaltung bewies er auch bei den folgenden Reihen und Serien: Für ALEXANDER ZWO (1972/73) schrieb er drei der Bücher, die Franz Peter Wirth für den WDR inszenierte. 1974 folgte ein Haferkamp-Tatort (DER MANN AUD ZIMMER 22). Und auch nach seiner Zeit bei der Bavaria blieb er dem Kriminalgenre treu: Für DER ALTE verfasste er gleich mehrere Folgen.

Heute bezeichnet der Träger des Bundesverdienstkreuzes, der auch Erzählbände und Romane veröffentlicht hat, diesen Teil seines Frühwerks ein wenig distanziert als »Gebrauchsfernsehen«. Wichtiger sind ihm die großen ambitionierten Fernsehspiele, die er ab 1980 auch selbst inszenierte. Hiermit knüpfte er an seine Bearbeitungen von Bühnenstücken und literarischen Erzählungen an, ein Genre, das in den 60er Jahren bestimmendes Element des Fernsehprogramms wurde. So adaptierte er u.a. Schillers WALLENSTEIN und bearbeitete Hans Falladas DER TRINKER (1967, R: Dietrich Haugk). Bereits 1962 gewann er mitDER SCHLAF DER GERECHTEN, Regie: Rolf Hädrich, nach einer Vorlage von Albrecht Goes) den Sonderpreis für Freiheit und Gerechtigkeit bei den Internationalen Filmfestspielen
Berlin. Mit HILDES ENDSPIEL (1984, R: Franz Peter Wirth) und der erotischen Komödie DAS VIERECK (1988) schrieb Storz aber auch leichtere Alltagskomödien, zu denen die Frankfurter Rundschau bemerkte: »Pfiffig ist, wie er so alle Zeitgeiststoffe zum Thema aufgreift und fein parodistisch zerpflückt.«

Seine Bücher lieferten die Vorlagen für die Arbeiten einiger der großen Regisseure der Fernsehgeschichte: Eberhard Itzenplitz (PRÜFUNG EINES LEHRERS, 1968, DIE BEICHTE, 1970) und Fritz Umgelter (WIE EINE TRÄNE IM OZEAN, 1970, nach Manès Sperber). Gleichzeitig entwickelte Storz bürgerliche Komödien und Heimatchroniken (SACHRANG, 1978). In DAS 1001. JAHR beschrieb er das Jahr 1945 aus der Sicht zweier Teenager, es folgte mit MUSIK AUF DEM LANDE 1980 auch seine erste eigene Regiearbeit. Die Farce STADTBRAND  rundete 1985 die »Schwäbische Trilogie« ab.

In diesen Filmen blickt Oliver Storz hinter die Fassaden der Wohlanständigkeit, verfolgt, wie die Vergangenheit verdrängt wird bis hin zu den kollektiven Neurosen, mit denen sie sich wieder und wieder Bahn bricht. Die ständige Präsenz der nationalsozialistischen Diktatur im deutschen Gegenwartsleben ist Hintergrund wie Ausgangsmaterial für seine Geschichten, nicht scharf und anklagend, sondern ambivalent, melancholisch-ironisch wahrgenommen. So ist auch IM SCHATTEN DER MACHT nicht eine Skandalchronik über die aufgewühlte Republik der Siebziger Jahre, sondern ein spannendes Kammerspiel über das Scheitern eines großen Menschen.

Mit einer Hommage zum Werk von Oliver Storz – an deren Zusammenstellung er beteiligt war – richtet die Cologne Conference den Blick auf einen Autor und Regisseur, der in den verschiedenen Genres, von Science-Fiction und Krimi, über die Gesellschaftskomödie bis hin zum großen zeitgeschichtlichen Fernsehspiel, die Entwicklungsgeschichte des deutschen Fernsehens von seinen Anfängen bis heute
geprägt hat.