Lalo Schifrin

Erst die Musik gibt einem Film die Wirkung. Das ist zwar eine Plattitüde, ist aber allein deswegen nicht weniger wahr. In diesem Jahr ehrt die Cologne Conference in der Werkschau erstmals einen Filmkomponisten und erweist damit der nicht zu überschätzenden Bedeutung des »Scores« für die Qualität von Film und Fernsehwerken die Reverenz.

Da gerade Komponisten zumeist in schallisolierten Studios ihrer Arbeit nachgehen und nur wenige über den Kreis der Eingeweihten hinaus Bekanntheit erlangen, freuen wir uns besonders, mit Lalo Schifrin einen der Weltstars dieser Kunst in Köln begrüßen zu können.

Die musikalische Begabung wurde ihm schon in die Wiege gelegt. 1932 kam Lalo Schifrin in Buenos Aires zur Welt, sein Vater war Konzertmeister am Teatro Colón. Seine ersten Klavierstunden erhielt er von Enrique Barenboim, dem Vater des Dirigenten und Pianisten Daniel Barenboim. Nach einem einjährigen Studienaufenthalt bei Oliver Messiaen in Paris kam es 1957 zu der Begegnung, die Schifrins Lebensweg entscheidend bestimmen sollte. Auf einer Argentinientournee entdeckte Dizzy Gillespie den jungen Pianisten und bot ihm einen Job als Arrangeur an. Schifrin folgte dem Bebop-Star in die USA und schrieb in den folgenden Jahren nicht nur für Gillespie sondern auch für andere Jazz-Größen wie Count Basie und Stan Getz. In dieser Zeit begann er auch für Film und Fernsehen zu arbeiten. 1964 schrieb er Musik zu THE MAN FROM  U.N.C.L.E., 1965 den Score zu ONCE A THIEF und im selben Jahr mit der Musik zu THE  CINCINNATI KID ein frühes Meisterwerk. 1966 lieferte er für die Serie MISSION: IMPOSSIBLE ein Titelthema, das mit seinem treibenden 5/4 Takt berühmter werden sollte, als die Produktion, für die es komponiert wurde. Wie Mancinis »Moon River« oder »The Pink Panther« löste sich das »Mission: Impossible Theme« von seinem Kontext und wurde ein in unzähligen Versionen verbreiteter Klassiker.

1968 vertonte Lalo Schifrin BULLITT, der sowohl Steve McQueen als auch seinen Ford Mustang zu Stars machte und dessen cooler Jazz-Soundtrack zur Stilvorgabe für alle folgenden Epigonen wurde. In den 70er Jahren bestimmte Schifrins Markenzeichen, die Mischung von Pop, Jazz, Funk und symphonischen Arrangements, die Filmmusikszene. Mit THE BEGUILED, DIRTY HARRY, ENTER THE DRAGON, STARSKY & HUTCH und vielen anderen Arbeiten schrieb er Filmgeschichte, zumal er auch den ersten Langfilm eines frisch graduierten Filmstudenten vertonte: THX 1138 von George Lucas. In der Phalanx seiner anderen Kompositionen nimmt dieser verstörende und depressive Score, in dem Schifrin mit verschiedensten Instrumenten und Synthesizern experimentierte, eine Sonderstellung ein, wenn auch der Film und der Soundtrack unter dem Rubrum »legendäre Momente der Filmgeschichte« nur einer kleinen Gemeinde von Fans wirklich bekannt sind.

Die Liste der Stars mit denen Schifrin in seiner langen Karriere zusammen gearbeitet hat, liest sich wie ein Hollywood Who Is Who: Audrey Hepburn, Charlton Heston, Dudley Moore, Walter Matthau, Carlos Saura, Sam Peckinpah, Billy Wilder, Don Siegel, John Sturges, George Lucas, Richard Fleischer, Peter Yates sind nur einige Highlights seiner inzwischen fast 50-jährigen Karriere, deren Ende nach Blockbustern wie RUSH HOUR nicht in Sicht ist.

Doch obwohl Lalo Schifrin eine Respekt einflößende Filmografie vorweisen kann, nimmt die Fimmusik nur einen Teil seines Schaffens ein. Neben seinem durchgehenden Engagement als und für Jazzmusiker komponierte er auch für Großveranstaltungen und renommierte Orchester, für Stars aus Klassik und Pop. Selbst Fußballfans kennen seine Arrangements, die zum Finale der Fußball-Weltmeisterschaften 1990, 1994 und 1998 ausden Edelkehlen der Drei Tenöre erklangen. »Nebenbei« dirigierte er die Symphoniker und Philharmoniker von London, Wien, Los Angeles, Israel, Mexico City, Houston und Atlanta und ist als Pianist aktiv.

Die Vielfalt dieser Aktivitäten lässt Lalo Schifrins Erfolgsgeheimnis erahnen: die Kombination aus einer unbegrenzten Wandlungsfähigkeit durch alle Richtungen und Genres hindurch mit einem unverwechselbaren Stil, der alle Einflüsse aufnimmt und wie ein Markenzeichen prägt. Die orientalischen Einflüsse in RUSH HOUR und ENTER THE DRAGON bindet er genauso selbstverständlich in seine Arbeiten ein wie das treibende Saxophon und die schwebende Flöte in BULLITT. Der Rhythmus von Carlos Sauras TANGO gelingt ihm so sicher und scheinbar selbstverständlich wie die Pastorale zu Beginn von CHARLEY VARRICK. Er selbst sieht seinen Spagat zwischen Jazz, Konzertsaal und Leinwand als selbstverständliche Folge seiner Auffassung von der Musik als solche: »Für mich ist jede Musik wichtig. Deshalb arbeite ich auch in unterschiedlichen Bereichen. Meine Plattensammlung ist alphabethisch sortiert: Miles Davis steht neben Debussy und die Beatles neben Beethoven. Als Arrangeur bin ich ein Chamäleon. Deshalb kann ich auch so unterschiedliche Sachen machen wie Jazz, symphonische Musik, Filmmusik oder sogar mit den »Drei Tenören« arbeiten. Ich mag Abwechslung. Ich liebe es zu dirigieren, zu komponieren und Klavier zu spielen, weil die Tätigkeiten so verschieden sind. Es ist, als sei man mit drei Frauen gleichzeitig verheiratet, die man alle sehr liebt.«

Inzwischen teilen sich 4 Grammys den Vitrinenplatz mit ungezählten anderen Auszeichnungen. Sechs mal wurde Schifrin für den Oscar nominiert, er ist Ritter des »Ordre des Arts et Lettres« und wurde auf dem Hollywood Walk of Fame mit einem Stern geehrt. Am 20. Juni wird Lalo Schifrin den Internationalen Filmmusikpreis Bonn entgegennehmen. Die Cologne Conference gratuliert herzlich zu dieser Auszeichnung und freut sich mit ENTER THE DRAGON, THX 1138 und BULLITT in der diesjährigen Werkschau einige Highlights seiner Arbeit zeigen zu können. Zudem haben wir die Ehre, Lalo Schifrin am 21. Juni gemeinsam mit Kabel 1 persönlich im Rahmen der Kultnacht zu einem Werkstattgespräch begrüßen zu dürfen.