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Die Wahrheit liegt auf dem Platz – Fußball als Simulation von Authentizität

Deutschland ist im Fußballfieber. Die EM verspricht ein Sommermärchen zu werden, wenn auch eins mit Aprilwetter. Aber wie authentisch ist der heutige Fußball? Wie sehr ist er Inszenierung? Ist alles nur ein Ritual samt lieb gewonnener Klischees? Die Frage nach Authentizität und Inszenierung thematisiert auch unser höchst unterhaltsames Fake-FFQ&A DIAMANTE UND MEIN BRUDER.

Ein Text von Elmar Freels.

22,49 Millionen Zuschauer:innen sahen das Auftaktspiel der diesjährigen EM, Deutschland gegen Schottland. Das im ZDF übertragene Spiel hatte einen Markt-anteil von knapp 70%! Fußball ist das letzte Lagerfeuer der Fernsehnation. Folgerichtig träumte Toni Kroos nach dem 2:0 gegen Ungarn: »Es ist schön, dass die Nationalmannschaft immer noch in der Lage ist, das Land anzuzünden. Ich hoffe, dass uns das weit trägt.« Eine authentische, originelle Äußerung, die hervorsticht aus dem Einerlei der Phrasen und Halbwahrheiten, die maßgeblich zur Inszenierung von Fußball gehören.

Fußballspiele sind hochgradig inszenierte Ereignisse. Jedes Spiel, sei es ein Ligaspiel oder ein internationales Turnier, folgt einem festgelegten Ablauf, der den Zuschauern ein Gefühl von Kontinuität und Verlässlichkeit vermittelt. Von der Hymne vor dem Anpfiff über die Halbzeitpause bis hin zur Nachspielzeit – alles ist durchgeplant. Diese Rituale schaffen eine vertraute Atmosphäre, die den Zuschauern Authentizität suggeriert.

Dazu trägt immer auch die Sprache der Kommentator:innen bei. So konnte man beim Schweiz-Ungarn Spiel Alexander Bommes bewundern, der der Kollegin die Formulierung »den Deckel drauf machen« entlockte und sofort schuldbewusst das Geräusch einer Münze nachmachte, die ins Phrasenschwein klimpert.

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Hauptbestandteil der großen Fußball-Inszenierung sind aber natürlich die Biografien der Top-Spieler. Die brillante Mockumentary DIAMANTE UND MEIN BRUDER von Georg Nonnenmacher, Ingo Haeb und Karin Berghammer thematisiert das Nebeneinander von Inszenierung und Authentizität auf besonders lustige Weise. Sie erzählt die fiktive Geschichte der Brüder Ferdi und Rudi Varda. Rudi verschwand irgendwann aus dem Leben Ferdis und wurde Fußballstar in Brasilien, wo man ihm den Spitznamen DIAMANTE verpasste. Sein Bruder suchte ihn jahrelang und überwand sogar seine chronische Flugangst, um Rudi endlich zu finden. Der Film lief auf dem FILMFESTIVAL COLOGNE und begeistere dort ein großes Publikum.

Aus Anlass des EM-Fußballfiebers veröffentlichen wir hier das nicht minder schräge, unterhaltsame Interview mit den beiden Brüdern, bzw. mit den beiden Schauspielern in der Rolle der Brüder, die dem uns Rede und Antwort stehen.

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In DIAMANTE monieren Rudi und Ferdi, dass Fußball heute nur noch ein großes Geschäft sei, während es früher bescheidener zuging. Sie waren noch Straßen-fußballer aus einfachen Verhältnissen, die sich nach oben arbeiten mussten. Die soziale Funktion des Fußballs – das ist nicht nur das Gemeinschaftserlebnis der Fans, sondern das sind auch die Aufsteigerbiografien der Sportler.

Hier klingen die Biografien durch, wie die von Berti Vogts, der bei seiner Tante aufwuchs und nach einer Werkzeugmacherlehre Profi-Fußballer wurde.

Bushido Von der Skyline zum Bordstein zur ck

Rudi und Ferdi haben durchaus Recht: die Zeit der Straßenkicker (den Begriff hat sich Lukas Podolski übrigens als Marke eintragen lassen) ist irgendwie vorbei.

War die einfache Herkunft noch vor wenigen Jahren der Mythos, aus dem Heldenbiografien geschmiedet wurden, sind die Werdegänge der Topstars dieser EM, Kylian Mbappé, Jude Bellingham und Florian Wirtz ein gutes Beispiel dafür, dass sich die Zeiten geändert haben.

Wir glauben zwar immer gerne das Narrativ vom Underdog, der sich hochgekickt hat, Wikipedia weiß jedoch, dass die drei Stars dieser EM zwar nicht mit goldenen Schuhen an den Füßen geboren wurden, aber sportliche Eltern hatten, die sie gut förderten.

Mbappè wuchs in Bondy im Pariser Ballungsraum als Sohn eines Kameruners und einer Algerierin auf. Er stammt aus einer sportlich aktiven Familie: Sein Vater Wilfried Mbappé war Fußballer und Jugendtrainer in Bondy, seine Mutter Fayza Lamari spielte Handball in der höchsten französischen Liga. Kylians älterer Adoptivbruder Jirès Kembo war ebenfalls Fußballprofi.

Jude Bellingham stammt aus Stourbridge in den West Midlands, das im Einzugsgebiet der Klubs Wolverhampton Wanderers, Aston Villa, West Bromwich Albion sowie Birmingham City liegt. Sein Vater Mark, ein Sergeant der Polizei, hatte im Non-League-Football-Sektor in 22 Jahren über 700 Tore geschossen. Der junge Bellingham spielte für die Jugendakademie Birmingham Citys, wo er in die U8 eintrat. Bereits mit 15 Jahren spielte er aufgrund seiner bereits fortgeschrittenen Athletik und Physis in der U23-Mannschaft des Vereins, und in der Saison 2018/19 gelangen ihm drei Tore in 12 Ligaeinsätzen.

Und unser Stürmerstar Florian Wirtz? Wirtz wurde im Mai 2003 im Pulheimer Stadtteil Brauweiler geboren, wo er auch aufwuchs und das Abtei-Gymnasium der Stadt besuchte. Dort war er für die schuleigene Fußballmannschaft aktiv, mit der er an regionalen Turnieren teilnahm. Er hat neun Geschwister. Sein Vater war Beamter des Bundesgrenzschutzes und Erster Vorsitzender des SV Grün-Weiß Brauweiler, seine Mutter Handballtrainerin beim TuS SW Brauweiler, bei dem sie unter anderem den späteren Nationalspieler Julian Köster trainierte. Wirtz’ ältere Schwester Juliane ist ebenfalls im Profifußball aktiv, sowohl in der ersten Mannschaft von Werder Bremen als auch als Junioren-Nationalspielerin. Beide begannen ihre Karrieren beim 1. FC Köln; Juliane debütierte 2018 in der Frauen-Bundesliga im Alter von 16 Jahren für Bayer 04 Leverkusen.

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Die Stars sind ziemlich normale Mittelschichtkinder. Und: In der Männerwelt des Fußballs spielen Frauen wohl doch eine nicht unwichtige Rolle. Zumindest bei Mbappé und Florian Wirtz könnte man sich zur These versteigen, dass Handball spielende Mütter maßgeblich daran beteiligt sind, Fußballer hervorzubringen, deren Marktwert jenseits der 100 Millionen Euro liegt. Und Polizistenväter natürlich auch. 

Bei der Recherche zu dieser kleinen Betrachtung bin ich auf einen weiteren Nebenaspekt gestoßen, der die Geschichte von Rudi und Ferdi aus DIAMANTE spiegelt und ergänzt. Der Mythos vom Fußballparadies Brasilien, wo technisch perfekt und leidenschaftlich gespielt wird. Und ein Rudi zum DIAMANTE aufsteigen kann. Tatsächlich ist es eher umgekehrt: die Brasilianer kommen nach Europa.

Das aktuelle Fußballbrasilien steckt in einer tiefen Krise, da aufstrebenden Talente früh gescoutet und sofort auf dem internationalen Transfermarkt verhökert werden. Brasilien blutet aus! Das hat auch damit zu tun, dass vor gut 20 Jahren in vielen Ländern Europas die Regel aufgehoben wurde, nach der Vereine nur eine beschränkte Anzahl internationaler Spieler einsetzen dürfen. Verzwickte globalisierte Welt .... 

Die Spieler selbst tragen übrigens immer auch sehr zur Inszenierung bei. Ihre Gestik und Mimik, die Art und Weise, wie sie Tore feiern oder Fouls reklamieren, sind Teil eines Schauspiels. Die italienische Männermannschaft hat sich in vielen Turnieren den Ruf erspielt, diese Kunst besonders perfektioniert zu haben. Nur selten lassen sie jede Schauspielerei fahren und agieren ganz und gar natürlich:

Chiellini hatte später reklamiert, nicht anders gekonnt zu haben.

Fußball, oft als die »schönste Nebensache der Welt« bezeichnet (klingeling im Phrasenschwein), ist weit mehr als nur ein Sport. Er ist ein soziales und kulturelles Phänomen, das Menschen weltweit vereint (klingeling).

Aber handelt es sich dabei wirklich nur um Inszenierung? Von den Übertragungen, den Biografien der Spieler, ihrem Verhalten auf dem Platz bis hin zu den übermächtigen Sponsoren?

Das hieße die Rechnung ohne den 12. Mann auf dem Platz zu machen (klingeling) – nämlich den Fans. Die Authentizität entsteht durch unsere eigenen starken Emotionen, wenn wir die Spiele schauen.

Das Wort »mitfiebern« bringt es auf den Punkt. Nick Hornbys Roman FEVER PITCH (1997 von David Evans verfilmt) erzählt wunderbar vom Mitfiebern. In dem Roman und Film geht es darum, wie der Meisterschaftskampf des FC Arsenal das Privat- und Liebesleben eines Englischlehrers beeinflusst. Dessen ganzes Leben wird vom Fußball bestimmt. Fußball als emotionale Urgewalt. Abgesehen von Katastrophen wie 9/11 oder historisch einzigartigen Momenten (Mauerfall) ist nur Fußball ist in der Lage, den einen authentischen Moment zu schaffen, der unzählige Menschen miteinander verbindet.

David Hasselhoff at Berlin Wall 1989 1

Fans erleben Authentizität im Fußball durch die Gemeinschaft und die gemeinsamen Rituale. Das Singen von Fangesängen, das Tragen von Trikots und das gemeinsame Feiern oder Trauern nach einem Spiel sind Ausdruck echter Gefühle und sozialer Interaktion. In diesen Momenten wird der Fußball zu mehr als nur einem Spiel; er wird zu einer Plattform für authentische menschliche Erfahrungen.

Ein bisschen wie im Kino. Auch hier ist es vor allem das Gemeinschaftserlebnis, das verbindet. Der Kontakt mit den kleinen und großen Fragen des Lebens, die Frage wohin wir uns bewegen, und was unsere Bestimmung ist. Wer Glück hat,und wer Pech. Wer verdient gewinnt, und wer sich sein Glück erschwindelt.

Coca Cola, Alipay, Adidas und Co. bezahlen also für die Inszenierung, und wir lassen uns einfach trotzdem nicht den authentischen, emotionalen Spaß nehmen.
Der teuerste Kader der Welt bei der diesjährigen EM ist übrigens die englische Nationalmannschaft. Transfermarkt.de bezifferte seinen Gesamtwert auf 1,26 Mrd.
Es stellen sich zwei Fragen: Ob die alle im gleichen Flieger sitzen, wenn sie reisen? Und: Schießt Geld vielleicht doch Tore? (klingeling)

Schaun mer mal! (klingeling)

Was Rudi und Ferdi dieser Tage machen, ist jedenfalls einfach zu erraten: die beiden wiedervereinten Brüder zischen ein schönes Pils und fachsimpeln um die Wette.

Wie wir auch und mit uns ganz Europa!