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Für Freiheit und Demokratie: Bilder, die sich einmischen

Donald Trump wird morgen erneut als Präsident der USA vereidigt. Michael Premo und Rachel Falcone erinnern mit ihrer Doku HOMEGROWN, die beim FILM FESTIVAL COLOGNE 2024 mit dem renommierten phoenix Preis ausgezeichnet wurde, an das Ende seiner ersten Amtszeit.

»Unsere Freiheit steht auf dem Spiel!« Unmissverständlich fasste der britische Filmemacher Steve McQueen die politische Weltlage vor zwei Jahren im FFQ&A-Interview zusammen. Ähnlich wie McQueen verstehen Michael Premo und Rachel Falcone ihre künstlerische Arbeit als Beitrag zur Verteidigung von Freiheit und Demokratie. Zuletzt drehten die beiden unter Einsatz ihres Lebens den Dokumentarfilm HOMEGROWN über den Sturm auf das Kapitol. Regisseur Premo wiederum erklärte uns im Gespräch, dass er sich für diesen Film vornehmlich mit Leuten beschäftigt habe, die zum Mittel der Gewalt greifen, da sie ihre Interessen immer weniger durch demokratische Organe vertreten sehen. Das gilt mittlerweile sowohl für die Abgehängten als auch für die Eliten. Während die einen im Land scheinbar nichts zu sagen haben, wollen sich die anderen vom Staat nichts mehr vorschreiben lassen.

Steve Mc Queen FFQA

Die eine Gruppe Demokratieverächter hat nichts zu verlieren, die andere kann von ihrem Selbstverständnis her nur gewinnen. Wozu sie gemeinsam in der Lage sind, hat in den USA die erste Amtszeit von Donald Trump gezeigt – vor allem ihr unrühmliches Ende. Wenn nun derselbe Mann, der die Gewaltexzesse am Sitz des Kongresses in Washington mit seinen Äußerungen über gefälschte Wahlen mitzuverantworten hat, als frei gewählter Präsident des mächtigsten Lands der Welt wieder ins Weiße Haus einzieht, dürften sich auch diejenigen bestärkt fühlen, die als Trumps Fußsoldaten zur damaligen Eskalation beitrugen. Etwa der Protagonist von HOMEGROWN, der den »Black Lives Matter«-Schriftzug vor dem New Yorker Trump-Building durchstrich. Und alle, die wie er zu Haftstrafen verurteilt wurden, dürfen auf Amnestie hoffen.

Website Video Cover Interview Premo falco 1

Die verstörenden Nachrichtenbilder des 6. Januar 2021 sind unvergessen. Aber in Zeiten, in denen die Prinzipien und Symbole von Freiheit und Demokratie so heftig umkämpft sind, erscheint es besonders wichtig, sich ein eigenes Bild von der Wirklichkeit zu machen.
Meinungsfreiheit und Freiheit der Kunst stehen zusammen für das Recht, sich gewaltfrei einzumischen. Filmemacher wie Steve McQueen oder Premo und Falcone tun genau das: Sie halten die Augen offen und produzieren Bilder, die sich einmischen. Premo und Falcone mussten sogar damit rechnen, dass ihnen Gewalt widerfahren würde, als sie in aufklärerischer Funktion Teil des Mobs waren, der das Kapitol enterte. Ob es als gutes oder schlechtes Zeichen für den Zustand der US-Demokratie zu werten sei, dass die Sicherheitskräfte vor Ort nicht härter durchgriffen und somit ein Blutbad verhindert wurde, wollten wir von den beiden wissen. Ihre Antwort kann man im aktuellen FFQ&A nachhören. Aber eine Gewissheit vermitteln die Bilder von HOMEGROWN auch ohne die persönliche Einschätzung zu kennen: Zur demokratischen Einmischung gehört selbst im so genannten freien Westen viel Mut.

Und auch das steht fest: Diesen Mut wird man in Zukunft weiter brauchen, um für Freiheit und Demokratie einzustehen. Umkämpft sind die Begriffe und ihre Definitionen seit jeher. Angesichts ihrer zahllosen Transformationen im 20. und 21. Jahrhundert dürften sich Aristoteles, Demosthenes und all die anderen alten Griechen pausenlos in ihren Gräbern herumdrehen. In den 1960er Jahren stellte der linke Theoretiker Herbert Marcuse fest, dass das Freiheitsversprechen bestens zum Herrschaftsinstrument im Kapitalismus tauge. Theorien von postdemokratischen Zuständen, in denen gleichgeschaltete Parlamente Debatten als Theater aufführen, während sie alternativlose Politik betreiben, kursieren ebenfalls seit Mitte des letzten Jahrtausends. Sie werden munter zwischen rechtem und linkem Lager hin- und hergereicht. Heute halten Querdenker ebenso viel von repräsentativer Demokratie wie einst die Kommunisten.

Demokratie song

Frei nach Ernst Jandl: "manche meinen/ lechts und rinks/ kann man nicht/ velwechsern/ werch ein illtum"? Tatsächlich kommt die Rechte immer offener aus der Deckung – und dass die Demokratie nicht vor einer feindlichen Übernahme durch sie gefeit ist, hat die deutsche Geschichte gezeigt. Unverwechselbar. Andres Veiels Doku RIEFENSTAHL, mit der das FILM FESTIVAL COLOGNE 2024 eröffnet wurde, handelt vom Zusammenhang zwischen der Macht der Bilder und dem Aufstieg der antidemokratischen Kräfte um Hitler. Heute haben soziale Medien für Politik und Gesellschaft ähnlich große Bedeutung wie damals Radio und Kino. Man muss nicht lange über Sinn und Unsinn von »Zensur« oder deren angebliche Abschaffung auf Plattformen wie Meta oder X streiten, wenn diese monopolistischen Unternehmen nach der Pfeife von Autokraten und Oligarchen tanzen. Dass die Redefreiheit von Musk und Co derart pervertiert wird, macht Stories for Change auf allen Kanälen nur unverzichtbarer.

Die Postpunk-Band Devo brachte das Dilemma mit Freiheit und Demokratie in der Massenkultur 1980 im Song »Freedom of Choice« auf den Punkt: "Freedom of choice is what you got/ Freedom from choice is what you want" Hoffentlich haben die klugen Witzbolde damit nicht auch den Soundtrack zu den Bundestagswahlen am 23. Februar geschrieben.

Devo

Wie auch immer, pünktlich zu Trump neuerlicher Inauguration startet ein außergewöhnlicher Essayfilm in den deutschen Kinos. Bilder, die sich einmischen hat der österreichische Filmemacher Alexander Horwath im Werk des Schauspielers Henry Fonda ausgemacht. Fonda starb 1982, ein Jahr nachdem Ronald Reagan Präsident der Vereinigten Staaten wurde. In HENRY FONDA FOR PRESIDENT nutzt Horwath die Audioaufnahmen des letzten großen Interviews Fondas, in dem er seine Verachtung für Reagan als Schauspieler und als Präsident preisgibt. Dazu findet Horwath in jeder Geste und Mimik der Figuren, die Fonda in über 80 Hollywood-Produktion verkörperte, einen Kommentar auf die gesellschaftlichen und politischen Umstände ihrer Entstehung. Ein kritischer historischer Abriss der US-(Film-)Geschichte trifft auf sämtliche Facetten medialer Projektionsflächen und ihrer Identifikationsfiguren.

Henry4president

Die Geduld, die Alexander Horwath für seine dreistündige Untersuchung aufbringt, muss man im Zeitalter der TikTokisierung unserer Aufmerksamkeitsökonomie schon als mutig bezeichnen. Das würden wohl auch Michael Premo und Rachel Falcone unterschreiben, die so viel Zeit investierten und sich mit ihrer Doku bis an den Rand der Selbstaufgabe engagierten. Das alles, um Geschichte nicht einfach passieren zu lassen.