Coverstory Masucci

Hundert Prozent Träumer, hundert Prozent Realist

Oliver Masucci ist ein leidenschaftlicher Schauspieler. Für BAD DIRECTOR, den neuen Film von Oskar Roehler, schlüpft er mal wieder in die Rolle eines schwierigen Charakters. Im FFQ&A erklärt er, warum er bei der Arbeit immer dahin geht, wo es wehtut.

Oliver Masucci stammt nicht aus einer Künstlerfamilie. Während anderen die Karriere beim Film in die Wiege gelegt wird, erzählt er seine persönliche Geschichte in der Autobiografie TRÄUMERTÄNZER – EIN GASTARBEITERMÄRCHEN als unterhaltsamen Einblick in die harte Schule des Lebens. Wer sie gelesen hat, weiß auch, dass hundert Prozent Masucci in jeder seiner Rollen stecken. Masucci verkörpert seine Figuren mit Haut und Haar. Mittlerweile ist er weit über Deutschland hinaus bekannt, auch weil er in ER IST WIEDER DA Hitler mimte und an dieser schwierigen Aufgabe nicht scheiterte, sondern wuchs. Der 1968 in Stuttgart geborene Masucci erhielt beim FILM FESTIVAL COLOGNE 2023 den International Actors Award. Bei dieser Gelegenheit präsentierte er auch die Serie EINE BILLION DOLLAR und weckte Vorfreude auf den neuen Oskar Roehler-Film BAD DIRECTOR mit ihm als abgehalftertem Regisseur. Am 9. Mai startet die Mediensatire bundesweit.

Bad Director

Wir baten den eloquenten Charismatiker in Köln zum FFQ&A. Darin spricht Oliver Masucci über seine Kindheit und seine Leidenschaft fürs Kochen. Er erklärt sein Arbeitsethos, das er für altmodisch hält, da Pausen ihm überflüssig vorkommen, und er erinnert sich an seinen schizophrenen Onkel Enzo, der ihn einst in die Traumwelt Kino einführte. Masucci ist ein mitreißender Erzähler, etwa wenn er von den Theaterbühnen schwärmt, wo er später lernte, sich selbst zu verwirklichen. Träumertänzer – so hatte ihn sein Vater genannt, und es war nicht als Kompliment gemeint. Als kleiner Junge schon hegte er künstlerische Ambitionen, stellte sich in den Augen des Vaters also ein Leben über den eigenen Verhältnissen vor. Den Traum hat er sich erfüllt, doch wirkt Oliver Masucci heute eher wie einer, der filmreife Geschichten liebt, die vom Leben handeln, wie es nun mal ist.

Eine Billion Dollar

Masucci wuchs als Sohn italienischer Migranten inmitten von gutbetuchten Mitgliedern eines deutschen Tennisclubs auf, wo seine Eltern das Restaurant betrieben. Noch bevor er im Kino seine Liebe zum Spaghetti-Western entdecken sollte, in dem die Helden nicht immer moralisch handeln, gab er einem dieser reichen Jungen was »auf die Schnauze«, die ihn mit rassistischen und klassistischen Beleidigungen provozierten. In der Anekdote wurzelt jene Lebensphilosophie, nach der man sich auf eigene Faust durchschlägt, ohne über die Umstände zu jammern. Und sie verrät eine gewisse Hemdsärmeligkeit, die Masucci in seiner Person mit Feinsinnigkeit vereint, was ihn zu einem Charakterdarsteller werden ließ, der in jeder Filmfigur einen hohen Wiederkennungswert schafft. Bei aller Authentizität hat er eigentlich immer die Bühne unter den Füßen – so kann man Bodenständigkeit auch buchstabieren. Kein Wunder, dass Masucci oft extrovertierte Typen spielt, deren Exzentrik dadurch umso deutlicher ausgestellt wird.

Er Ist Wieder da Video

Schon seine Hitler-Interpretation brachte Masucci die Nominierung für den Deutschen Filmpreis, den er 2020 für die Performance als Rainer Werner Fassbinder in Oskar Roehlers ENFANT TERRIBLE schließlich verliehen bekam. Mit Roehler verbindet Masucci der Hang zur Überzeichnung, wenn es um den Blick auf die großen Egos dieser Welt geht. Roehler setzte sich in seinem Debütfilm DIE UNBERÜHRBARE bekanntlich mit seiner Mutter, der Schriftstellerinnen-Diva Gisela Elsner auseinander, verfilmte den Bestseller des französischen Misanthropen Michel Houellebecq, ELEMENTARTEILCHEN, und landete ganz logisch irgendwann bei Fassbinder. Der war eher kein guter Mensch aber ein umso besserer Regisseur – und trotz der Radikalität bis in seine engsten Beziehungen hinein hielt Fassbinder stets ein Plädoyer für die Zärtlichkeit, weil er sie für radikaler erachtete als viele andere menschliche Eigenschaften. Masucci erweckt diesen ewig quengelnden Geist der deutschen Filmgeschichte in ENFANT TERRIBLE derart saumäßig zärtlich zum Leben, dass es einem kalt den Rücken runterläuft. Eine Rolle, die er sich erst mal anfressen musste, um »diesen Leib zu erschaffen«. Hundert Prozent Masucci.

Enfant Terrible

Man kann sich gut vorstellen, wie Oliver Masucci jedes beliebige Hotelzimmer und jeden Film-Container im Handumdrehen in eine Küche verwandelt – und für Kollegen wie Mads Mikkelsen Rouladen zubereitet. Hundert Prozent Masucci heißt auch, dem Bauchgefühl zu folgen und Herzlichkeit walten zu lassen, die wiederum durch den Magen geht. Wobei Masucci aus seinem Herzen keine Mördergrube macht, es freimütig auf der Zunge trägt. »Man kann nicht jedem gefallen.« Diese Einstellung hat ihm nicht geschadet. Spätestens seit der Netflix-Produktion »Dark« haben ihn die internationalen Produzenten auf dem Schirm, zuletzt war er in der J.K. Rowling-Verfilmung PHANTASTISCHE TIERWESEN: DUMBLEDORES GEHEIMNISSE und Roman Polanskis THE PALACE zu sehen. Masucci scheint auch auf Grund der großen Erfahrung prädestiniert für die Hauptrolle in Oskar Roehlers BAD DIRECTOR. Die Handlung basiert auf der literarischen »Selbstverfickung« des realen Regisseurs, da kann einem das Lachen über die kaputten Zustände am Set und das Mindset des fiktionalen Regisseurs im Hals steckenbleiben.

So schizophren hatte sich der junge Oliver Masucci die Wirklichkeit hinter den Kulissen des Films sicher nicht ausgemalt, als sein Onkel Enzo ihn zum ersten Mal mit ins Kino nahm. Allerdings ist ihm früh klar gewesen, dass der Weg in diese Traumwelt nur über harte Arbeit führt, und dass er viele Widerstände würde überwinden müssen, wenn er diesen Weg konsequent gehen wollte. Widerstand ist für Oliver Masucci prinzipiell ein wichtiger Antrieb. Dass er bei der Arbeit dahin geht, wo es wehtut, ist ebenfalls hundert Prozent Masucci. Als Schauspieler müsse er die Gefühle der Figuren ernst nehmen, um Emotionen zu schüren beim Publikum. Das Wesen der Schauspielerei definiert er in unserem FFQ&A so: »Man ist der, der am Feuer aufsteht und die Geschichte erzählt – dafür sollte sie glaubhaft sein.« Einer guten Geschichte kann auch ein Oliver Masucci nicht widerstehen. Wir hören praktisch das Feuer knistern, das in ihm brennt, wenn er darüber spricht.