Website Artikel Header chernov BNT3

Mstyslav Chernov: Der Zeuge mit der Kamera

Wenn Mstyslav Chernov über seine Arbeit spricht, dann mit der ruhigen Klarheit eines Menschen, der den Krieg nicht aus der Distanz beobachtet. Der ukrainische Filmemacher, Journalist und Schriftsteller wurde mit seinem Oscar-prämierten Dokumentarfilm 20 DAYS IN MARIUPOL weltweit bekannt. Nun stellte der 40-Jährige beim FILM FESTIVAL COLOGNE sein neues Werk 2000 METERS TO ANDRIIVKA vor und erhielt den phoenix Preis. Für ihn ist diese Auszeichnung vor allem »eine Chance, mehr Publikum zu erreichen – für den Film, für die Arbeit und für die Geschichten der Menschen, die ich gefilmt habe«.

Chernov Bilder2

2000 METERS TO ANDRIIVKA spielt in einem schmalen Waldgebiet in der Ostukraine, eingeklemmt zwischen zwei Minenfeldern. Eine kleine Einheit kämpft sich über exakt 2000 Meter vor, um das Dorf Andriyivka zu befreien. »Es ist eine sehr einfache Geschichte«, sagt Chernov, »über einen Platoon, der beauftragt ist, ein kleines Dorf zu befreien.« Gerade diese Reduktion mache den Film universell: »Du siehst echte Menschen, ihren Mut und ihre Motivation. Das Gezeigte wird zu einem Symbol für alle, die für ihr Zuhause kämpfen.«

Chernov Bilder4

Der Film ist ein Gegenstück zu 20 DAYS IN MARIUPOL. Während der frühere Film die russische Belagerung einer ukrainischen Stadt zeigte, richtet sich der Blick nun auf die Rückeroberung: »Das ist dieselbe Geschichte, nur in die andere Richtung erzählt«, erklärt Chernov. Gedreht wurde parallel zu internationalen Festivalauftritten – ein scharfer Kontrast, den er bewusst in den Film einfließen ließ: »Du zeigst den Film in Europa oder den USA und kommst ein paar Stunden später zurück in die Schützengräben, die sich wie Erster Weltkrieg anfühlen. Dieses Gefühl von Entfernung wollte ich zeigen, auch wie klein diese Entfernung eigentlich ist.«

Über die Rolle der Kamera findet Chernov eindringliche Worte: »Die Kamera ist schwach und stark zugleich. Sie kann keine Kugel stoppen.« Aber sie könne dafür sorgen, dass Menschen erinnert werden: »Ich glaube, sie ist ein Schild für die Wahrheit, ein Schild für die Erinnerung. Wir können keinen Toten zurückholen. Aber wir können dafür sorgen, dass er nicht vergessen wird.«

Chernov Bilder1

Diese Haltung verbindet sich mit seinem Verständnis von Wahrheit im Zeitalter der Desinformation: »Geschichte ist nicht das, was passiert ist. Geschichte ist das, was wir erinnern.« Aus vielen Zeugenaussagen wachse ein kollektives Gedächtnis, das über Jahre hinweg Bestand haben müsse: »Es ist ein Kampf darum, dass Wahrheit länger überlebt als das Meer aus Falschinformationen.«

You Tube Video Cover2 Chernov

Sein Antrieb bleibt dabei zutiefst persönlich. Große Parolen lehnt er ab: »Es geht nicht darum, die Welt besser zu machen. Ich denke an konkrete Menschen – Gesichter, Namen, eine Stadt, eine Nachbarschaft.« Besonders bewegt ihn, wenn Angehörige der Gefallenen ihre Dankbarkeit ausdrücken: »Eine Frau sagte mir nach einer Vorführung: ›Jetzt kann ich meinem Enkel zeigen, wer sein Großvater war.‹ Das ist der wahre Grund, warum ich diese Arbeit mache.«