»Mach es so einfach wie möglich«, hat Einstein vor hundert Jahren gesagt und liegt damit im Zeitgeist. Minimalismus ist nicht nur mit Blick auf Achtsamkeit und Nachhaltigkeit im Trend. Im Januar werden traditionell Handyapps gelöscht, Schnapsflaschen weggesperrt und Wohnungen entrümpelt. Passend dazu erlebt Minimalismus auch in Kunst, Film und Mode eine Renaissance. Der Ausdruck »De-influencing« war auf der Shortlist für das »Oxford Wort des Jahres«.

Aktuell dominiert der minimalistische Style die Kollektionen der großen Modehäuser wie seit den Neunzigern nicht mehr. Japanische Designer:innen wie Rei Kawakubo von Comme des Garçonsund Yohji Yamamoto bildeten mit ihren monochromen schlichten Entwürfen die Avantgarde der minimalistischen Modebewegung und zeigten, dass sich auch mit schlichten Designs und Farben eine zeitlose Garderobe kreieren lässt. Europäische Designer:innen wie Phoebe Philo oder Martin Margiela zogen später nach und boten Eleganz ohne viel Schnörkel und Logos. Mittlerweile ist »Capsule Garderobe« ein feststehender Begriff. Das Prinzip: Man hat zehn Hosen und zehn Oberteile, die alle miteinander kombinierbar sind – daraus ergeben sich hundert verschiedene Outfits. So schafft man Platz, Struktur und Nachhaltigkeit im Kleiderschrank und kann trotzdem jeden Tag anders aussehen.

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Minimalistische Filme sind so alt wie das Medium. Schon in den Neunzehnhundertzwanzigern etablierte der dänische Regisseur Carl Theodor Dreyer eine streng asketische Ästhetik mit kargen Sets und Fokus auf dem Wesentlichen passend zu seinen oft religiösen Themen. Kurze Zeit später war es der Franzose Robert Bresson, der mit reduzierten statischen Filmen die Außenseiter in den Blickpunkt der Erzählungen rückte und maßgeblich die Nouvelle Vague beeinflusste. In einem seiner bekanntesten Werke AU HASARD BALTHAZAR wurde ein Esel zur Hauptfigur, auf dessen Rücken menschliche Katastrophen und gesellschaftliche Missstände ausgelotet wurden. Im vergangenen Jahr löste der ultraminimalistische Filmklassiker JEANNE DIELMANN, 23, QUAI DU COMMERCE, 1080 BRUXELLES von 1975 Alfred Hitchcocks VERTIGO als besten Film aller Zeiten der Zeitschrift Sight & Sound ab. Damit war erstmals eine weibliche Regisseurin an der Spitze der renommierten Bestenliste. Die Abwahl von VERTIGO kam zur rechten Zeit. Wer will Filme, die Schwindel auslösen, wenn einen die Welt schon schwindelig genug macht? Chantal Akerman zeigt die alleinerziehende titelgebende Hauptfigur an drei aufeinanderfolgenden Tagen bei alltäglichen Verrichtungen. Die Kamera ist statisch, Dialoge gibt es kaum, Szenen wiederholen sich. Bis am Ende doch etwas sehr Aufregendes passiert ... und das Ende knallt umso härter.
Auch Katharina Huber geht es in ihrem Film EIN SCHÖNER ORT und elliptisches und Auslassungen. Ihr minimalistisches Mystery-Kleinod wurde komplett in der Eifel gedreht und ist auf bezaubernde Weise nebulös, dass sich eindeutige Interpretationen von selbst verbieten. Für ihren Film wurde die Regisseurin bei den FILM FESTIVAL COLOGNE AWARDS 2023 mit dem Filmpreis NRW ausgezeichnet. Hier ist unser FFQ&A mit Katharina Huber
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In seinem Buch »Transcendental Style in Film« philosophiert Regisseur und Autor Paul Schrader über die Vorzüge des »transcendental cinema« im Gegensatz zu Filmen, die einen förmlich anschreien. »Transzendente Filme bewegen sich dagegen von dir weg und nutzen Zeit – oder wie es andere nennen würden, Langeweile – als Technik. Sie verweilen bei Alltäglichem, Ereignislosem, Wiederholungen. Geschickt eingesetzt ist dieses Zurückhalten eine Möglichkeit, die Zuschauer und ihre Aufmerksamkeit zu aktivieren.« Seine Thesen zum transzendentalen Stil untermauert Schrader mit diesem minimalistischen Schaubild.

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Die Filme von Yasujirō Ozu werden oft synonym mit dem Begriff Minimalismus verwendet. Der japanische Regisseur arbeitete im Capsule-Style mit dem meist gleichen Team vom Drehbuchautor über den Kameramann bis zu den Hauptdarsteller:innen. Die Themen und Settings seiner Filme variieren ebenfalls nur minimal. »Ich bin wie ein Maler, der immer wieder dieselbe Rose malt«, hat er über seine Arbeitsweise gesagt. Die sogenannte »Ozu-Perspektive« ist mit ihren perfekt kalibrierten Bildern zum feststehenden Begriff geworden. Die Menschen in Ozus Filmen lächeln und weinen mitunter gleichzeitig und begegnen den Herausforderungen und Malaisen des Lebens mit Demut, Anstand und Würde. »Man muss mit dem zufrieden sein, was man hat« ist ein geflügeltes Zitat im Werk des Regisseurs, der im vergangenen Jahr hundertzwanzigsten Geburtstag gefeiert hätte. In der ARTE-Mediathek findet man aktuell zehn seiner besten Filme als Stream. Wir empfehlen darüber hinaus auch die Ozu-Reminiszenz PERFECT DAYS von Wim Wenders und dazu warmen Sake, der Dry January muss dann halt mal aussetzen.

Im vergangenen Frühjahr starb mit Ryūichi Sakamoto einer der begnadetsten und wichtigsten Komponisten der Gegenwart. Für eine letzte Performance setzte sich der japanische Musiker sichtlich gezeichnet von seiner Krankheit noch einmal an den Flügel und spielte zwanzig seiner liebsten Pianokompositionen. Daraus entstand mit RYUCHI SAKAMOTO | OPUS einer der wohl schönsten und bewegendsten Konzertfilme der letzten Jahre. Fehler wurden nicht geschnitten, die Songs zwischendurch auch mal abgebrochen und neu angesetzt. Der Film ist die minimalistische Alternative zu Spektakeln wie RENAISSANCE: A FILM BY BEYONCÉ oder TAYLOR SWIFT: THE ERAS TOUR. Am Ende des letzten Songs spielen dann nur noch die Geister und man selbst hat Tränen in den Augen.

© Merry Christmas Mr. Lawrence / Ryuichi Sakamoto - From Ryuichi Sakamoto: Playing the Piano 2022
