Film Festival Cologne | Vom Fest zum Rausch
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Vom Fest zum Rausch

Die Filme des Dänen Thomas Vinterberg brachte man bisher eher selten mit Begriffen wie Optimismus oder Lebensfreude in Verbindung. 1995 gehörte der Regisseur zu den vier Unterzeichnern des Dogma-Manifests, das nicht gerade als Blaupause für Feelgood-Movies gilt. Und doch bezeichnete Mads Mikkelsen, Hauptdarsteller von DER RAUSCH, das neue Werk Vinterbergs beim Film Festival Cologne 2020 als »tribute to life«. Im Rahmen der Corona-Pandemie ein ganz bemerkenswertes Kompliment.

Dabei erscheint der zweifach Oscar-nominierte DER RAUSCH zunächst als typischer Vinterberg. Denken wir an DAS FEST. Im ersten Dogma-Film von 1998 eskaliert eine Familienfeier und gerät zur toxischen Versuchsanordnung. Es geht um Kindesmissbrauch. Mit den Dogma 95-Regeln wollte man ja der Wirklichkeit im Kino wieder näher kommen. Und ähnlich wie in Lars von Triers Filmen bleiben in DAS FEST alle Versuche, der Katastrophe zu entkommen, zum Scheitern verurteilt. Die Wahrheit war im Dogma-Kosmos stets eine schmerzvolle Erfahrung.

Auch wenn die Dogma-Regeln schon lange nicht mehr bindend sind. Dem Schmerz ist Vinterberg treu geblieben. Bei den Figuren von DER RAUSCH haben sich ebenfalls über viele Jahre Verzweiflung aufgestaut. Die Zumutungen des Alltags kommen vier befreundeten Lehrern mittleren Alters schon vor wie ein permanenter Ausnahmezustand. Midlife Crisis heißt der passende Ausdruck im Fachbuch Küchenpsychologie. Und so schleppen sie sich deprimiert durch Berufs- und Privatleben, bis eine Schnapsidee die Lösung verspricht.

Einer der Kumpel hat die These des norwegischen Psychologen Finn Skårderud aufgeschnappt, wonach wir alle mit 0,5 Promille zu wenig Alkoholgehalt im Blut geboren werden. Von Natur aus glücklicher ist der Mensch demnach mit einem dauerhaften Pegel. Der Originaltitel von DER RAUSCH lautet übrigens »Druk« – eines der vielen dänischen Wörter für Trinken. Ja, damit kennen die Dänen sich aus. 

Aber DER RAUSCH ist keine Komödie. Dafür lässt Vinterberg ein, zwei tragische Aspekte zu viel in die hochprozentige Geschichte einfließen. Sucht ist nun mal nicht witzig. Wobei vor allem Mikkelsens Figur Martin das absurde Alkohol-Experiment in vollen Zügen genießt. In ihm stecken ungeahnte Qualitäten als Liebhaber, Tänzer, Lehrender. Im Rausch entwickelt er eine entfesselte Persönlichkeit, die mit gängigen Moralvorstellungen kaum mehr einzufangen ist.

Alkohol soll also helfen, die fehlenden Prozente rauszuholen. Das klingt wie eine Parodie auf Mythen der Selbstoptimierung und Lifestyle-Motivationskärtchen. Könnte der latente Kontrollverlust nicht sogar von gesellschaftlichem Nutzen sein? Das bleibt in DER RAUSCH unbeantwortet wie die Frage, ob man das sprichwörtliche Glas als halbvoll oder als halbleer betrachten sollte. Aber wir lernen: Es gibt immer gute Gründe, um über den eigenen Schatten zu springen. Vinterberg und Mikkelsen leben es mit ihrem »tribute to life« vor. Schmerzfrei. Irgendwie typisch und untypisch zugleich.