Die Lust am Verbrechen | Film Festival Cologne
Judith Beheading Holofernes Caravaggio WEB

Die Lust am Verbrechen

TRIGGER WARNUNG: Explizite Darlegungen zu alltäglichen Gewaltdarstellungen

Wahrheit und Wirklichkeit – die beiden Diven spielen vermeintlich die Hauptrollen in True Crime-Büchern, -Filmen, -Podcasts, -Games und -Serien. Neben inzwischen legendären Psychos wie Charles Manson. Na, schon Gänsehaut? Seit Truman Capote 1965 den Roman »Kaltblütig« als »wahrheitsgemäßen Bericht über einen mehrfachen Mord und seine Folgen« schrieb, ist das Genre ja für Gänsehaut-Momente bekannt. Und es wird immer beliebter. Gütesiegel: Nach wahren Begebenheiten. Tatsachen sind halt von öffentlichem Interesse. Aber ist das Interesse so ganz unschuldig? Woher die Lust am Verbrechen?

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»Verbrechen lohnt sich« – das muss man schon sagen. Zumindest ist es lukrativ für viele, die davon erzählen. So lange, bis wir uns sämtliche Fingernägel abgekaut haben, weil die Geschichten so fesselnd sind. Natürlich geht es auch um die Erinnerung an die Opfer. Aber wenn die Journalistinnen Paulina Krase und Laura Wohlers in ihrem Podcast »Mordlust« zweiwöchentlich »Verbrechen und ihren Hintergründen« nachgehen oder DIE ZEIT in Wunden puhlt, die nie verheilen: Welche Bilder entstehen dann in unseren Köpfen und warum wollen wir die sehen?

Podcasts:

An Bildern, die einem nachlaufen, mangelt es nicht. Täglich gibt es neue True Crime-Delikte zum Streamen. Ob MAKING A MURDERER oder SONS OF SAM, O.J. – MADE IN AMERICA oder DER FALL REMTSMA … bei der dokumentarischen Rekonstruktion eines spektakulären Falls schwingt der Wunsch mit, das Publikum in die Ermittlungen einzubeziehen. Und wir lassen uns nicht lange bitten, werden zu Zeug:innen der grausigsten Taten. Jedenfalls könnte diese Vorstellung in uns hervorgerufen werden. Echten Mördern möchten man nicht im Dunkeln begegnen, aber im Kino und im Heimkino sind sie herzlich willkommen.

True Crime Head

Ist eine Gesellschaft krank, die viel True Crime konsumiert? Einspruch, euer Ehren! True Crime verspricht Aufklärung. Drei RAF-Rentner:innen seit Jahrzehnten auf der Flucht? Lasst uns in einem Podcast zusammen die Fährte aufnehmen! Als Kinder haben wir doch alle gerne Verstecken, Räuber und Gendarmes oder Schnitzeljagd gespielt. Tauchgänge ins Seelenleben von Charles Manson (haben wir den eigentlich schon erwähnt? Das ultimative Böse in Person!) oder anderen Killern könnten ja auch vorbeugend wirken. Es ist das Prinzip der FBI-Profiler, das man wiederum als Genre-Fan aus der True Crime-Serie MINDHUNTER kennt: Wer die Motive der Monster von gestern versteht, stoppt die Monster von morgen.

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Es muss nicht immer Nonfiction sein. Tarantino erledigte in ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD die Manson-Bande lieber in einem blutigen Rachemärchen. Einfach ausgedacht. Coole Sache. Aber Capote wollte Wahrheit und Wirklichkeit zu unsterblichen Heldinnen seines Buches machen. Deshalb sprach er im Gefängnis mit den Mördern und wurde darüber ziemlich irre. Zwei Jahre später kam True Crime durch die TV-Fahndung in der deutschen Nachkriegsunterhaltung an. Seit 1967 jagt das ZDF in der Show AKTENZEICHEN XY ... UNGELÖST Verbrecher:innen. Ein Erfolgsmodell. Bis heute hat sich wenig geändert an der Inszenierung der Filme, in denen die »XY«-Redaktion Vergehen nachstellt. Nach 45 Minuten mit Vergewaltigungen, Mord und Totschlag dürften nicht nur manche der Gesuchten schlecht schlafen.

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Apropos Märchen: Die Kino-Doku PARADISE LOST über unschuldig verurteilte Jugendliche in Arkansas ist ein schönes Beispiel fürs ersehnte Happy End. Sie brachte Promis wie Metallica auf die Palme und den Jungs nach Jahren die Freiheit. Auch der eine halbe Ewigkeit in den USA inhaftierte Diplomatensohn Jens Söring dürfte bei seiner Begnadigung von den Recherchen für die Doku DAS VERSPRECHEN profitiert haben. Ähnlich wie in MAKING A MURDERER wurde das Publikum bewusst beeinflusst. Wir alle zweifeln an der Beweiskraft von Bildern, spätestens seit O.J. Simpson von der TV-Übertragung seiner Handschuhanprobe im Gerichtssaal profitierte. Aber wir wollen auch ans Gute glauben.

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Es bleibt dieses O.J.- Problem, das man auch in jedem anderen Gerichtssaal kennt: Selbst die realistischste Nacherzählung eines Verbrechens ist eine Inszenierung – und die muss stimmen. Das gilt für Anwälte, Verteidiger, Angeklagte und letztlich auch fürs Publikum. Historische Kontexte lassen sich nicht ausklammern. Und dass wir in sensationellen Fällen mit Einblicken durchs Schlüsselloch für unsere Ermittlungsarbeit auf der Couch belohnt werden und dabei merken, dass wir uns eben nicht nur für Gerechtigkeit und Aufklärung interessieren – das gehört zu Wahrheit und Wirklichkeit des True Crime-Geschäfts.

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Jetzt wird es noch mal ernst: Der Dokumentarfilm ANMASSUNG aus dem Jahr 2021 nähert sich True Crime nämlich äußerst klug auf der Metaebene. Das Filmteam porträtiert den geständigen Mörder Stefan S., den seine voyeuristische Neigung dazu trieb, einer Frau nachzustellen und ihr das Leben zu nehmen. Kaltblütig. Weil Stefan S. sein Gesicht nicht zeigen möchte, wird er im Film von einer Puppe dargestellt. Die zwei Puppenspielerinnen reflektieren dabei auch seine Hintergründe und Handlungen. Die Filmemacher besuchen den Mörder im Knast, begleiten ihn als Freigänger und erleben schließlich seine Entlassung mit. 

Dann überlässt Stefan S. ihnen seine Handybilddateien – und macht uns mit diesem merkwürdigen Move zu Zeugen seiner Freigang-Touren. Gänsehaut. Was hat sich der Voyeur unterwegs wohl angeschaut? Die Aussagekraft solcher Bilder für den Charakter eines Menschen steht auf der Probe. Aber auch  die Motivation hinter der Beschäftigung mit diesem speziellen Typen. Steckt in der Nähe zum Verbrecher auch eine Komplizenschaft? In einem Videospiel würde man sich fragen: Bin ich schon part of the game? Solche Fragen bleiben im Genre meist offen. Star-Killer wie Manson oder der Boston-Attentäter Dzhokhar Tsarnaev haben es bis aufs Cover des Rolling Stone geschafft. Wahrheit und Wirklichkeit – die beiden Diven kommen in True Crime-Geschichten dagegen doch eher in Gestalt von Phantombildern vor.