Unsere Top 10 zum Jahresausklang 2023 | Film Festival Cologne
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Unsere Top 10 zum Jahresausklang 2023

Anatomy of a fall

ANATOMIE EINES FALLS

Ein Film voller Wendungen und Widersprüche mit einer herausragenden Sandra Hüller, die in diesem äußerst unkonventionellen Justizthriller nicht nur das Vertrauen ihres elfjährigen Sohnes zurückgewinnen muss. Vor der atemberaubenden Kulisse der französischen Alpen hat Justine Triet einen neuen Klassiker geschaffen, der von den Haupt- über die Nebenrollen bis zum Hund grandios besetzt ist und nicht nur den titelgebenden Todesfall seziert, sondern auch noch das komplexe Psychogramm einer Ehe und ihrer Protagonist:innen liefert.


Groß ALL OF US STRANGERS

ALL OF US STRANGERS

Schauspielerisch ebenfalls herausragend ist Andrew Haighs Mystery-Thriller mit Andrew Scott (FLEABAG) und Paul Mescal (AFTERSUN), zwischen denen man es förmlich knistern spüren kann. Selten wurde eine männlich-homosexuelle Liebesgeschichte so empathisch und feinfühlig inszeniert und auf fulminante Weise mit dem Thema Traumabewältigung gekoppelt. Ebenso wie Zeit und Raum transzendiert werden und sich die Hauptfigur plötzlich mit den verstorbenen Eltern am Ort der Kindheit in Gesprächen, die nie geführt wurden, wiederfindet, tauchen auch die Zuschauer:innen ein in diese zeitlose Parallelwelt, die mit Klassikern von Pet Shop Boys bis Frankie Goes To Hollywood auch popmusikalisch perfekt besetzt ist.


The Curse

THE CURSE

Die Straße zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert – das könnte das Motto gewesen sein dieser irren und irre komischen A24-Serie, die nur aus den Hirnen von Nathan Fielder (THE REHEARSAL) und Benny Safdie (UNCUT GEMS) kommen konnte. THE CURSE verwischt in dieser beißenden Mediensatire die Grenzen zwischen Doku und Serie wie auch zwischen Fakt und Fiktion mit einer herausragenden Emma Stone. Eine Serie voll mit schwarzem Humor und musikalisch kongenial untermalt von Daniel Lopatin aka Oneothrix Point Never.


Still The Five Devils 2

THE FIVE DEVILS

Adèle Exarchopoulos überzeugte 2023 nicht nur in PASSAGES an der Seite von Franz Rogowski und Ben Wishaw. THE FIVE DEVILS zeigt die französische Schauspielerin als Mutter eines mit besonderem Geruchssinn ausgestatteten kleinen Mädchens, dessen Superpower bizarre Blüten treibt. Alte Familien- und Dorfgeheimnisse kommen in Form surrealer Flashbacks ans Licht, Gerüche werden in Gläsern gesammelt und die titelgebenden fünf Teufel entpuppen sich in diesem pyromanischen Mystery-Thriller als nebulöse Wesen, die im wahrsten Sinne des Wortes über den Menschen hinauswachsen.


Das Lehrerzimmer

DAS LEHRERZIMMER

Die Enge des titelgebenden Zimmers spiegelt sich nicht nur im Drehbuch, sondern auch in der filmischen 4:3-Ästhetik. So wie Carla Nowak die Luft zum Atmen fehlt, schnüren sich auch den Zuschauer:innen die Kehlen zu, wenn die weibliche Hauptfigur sich durch diesen Wust aus Intrigen und Lügen kämpfen muss und eigentlich nur scheitern kann. Das Lehrerzimmer als Ort von Crime, Mobbing und sonstigem Horror ist in jeder Hinsicht beklemmend und so ist dieses perfekt inszenierte Kammerspiel von İlker Çatak und Johannes Duncker auch völlig zurecht Kandidat für den Auslandsoscar 2024. 


Monster

MONSTER

Hirokazu Koreedas MONSTER erzählt eine Geschichte über Mobbing, Homophobie und Autoritätshörigkeit aus verschiedenen Perspektiven und wird musikalisch untermalt vom letzten Soundtrack des in diesem Jahr verstorbenen großen Komponisten Ryūichi Sakamoto. Die Frage, wie und in welchen Formen man Kindern Gewalt antut und welche Auswirkungen das auf Physis und Psyche hat, wurde lange nicht mehr so subtil verhandelt und macht diesen Film gerade in Zeiten von Gaslighting und sonstigem Psychoterror zu einem neuen Klassiker des japanischen Ausnahmeregisseurs.


Past Lives

PAST LIVES

Die koreanisch-kanadische Regisseurin Celine Song erzählt in dieser wundervollen A24-Produktion die Geschichte einer jungen Frau zwischen zwei Kontinenten und zwei Männern. Klingt nach allerschrecklichstem Herzschmerzkitsch? Weit gefehlt. PAST LIVES ist toll geschrieben und eben nicht vorhersehbar oder klischiert, sondern macht nicht nur in Sachen Drehbuch alles richtig. Der Film hat mit Greta Lee, Teo Yoo und John Magaro auch einen herausragenden Cast und zeigt, dass Liebe und Freundschaft eben doch weit mehr sein können als uns im Regelbuch der konventionellen Paarbeziehungen vorgegaukelt wird.


PERFECT DAYS

PERFECT DAYS

Der japanische Oscar-Kandidat 2024 stammt von Wim Wenders und preist die Schönheit des Alltäglichen und Kleinen. PERFECT DAYS besticht vor allem durch seine tollen Darsteller und einen wunderbaren Soundtrack (der titelgebende Lou Reed-Song taucht in gleich mehreren Coverversionen auf) und darf wohl auch als kleine Hommage an Ozu Yasujirō verstanden werden. So entspinnt sich ein kleines Meisterwerk des Minimalismus, an dessen Ende auch die Zuschauer:innen gleichzeitig weinen und lächeln dürften wie die Hauptfigur in einer der wohl schönsten und nachhaltig beeindruckendsten Filmszenen des Jahres.


Still Succession

SUCCESSION

Im Mai erfuhr die fulminante HBO-Serie mit der vierten Staffel ihre finale Krönung. Die Geschichte über die Familie eines fiktiven Medienmoguls und ihre Intrigen, Zerwürfnisse und Liebschaften schrieb Seriengeschichte und zeigt, dass gute Serien vielleicht doch die besseren Gesellschaftsromane sind. Nicht nur die Figuren sind außerordentlich, auch die Dialoge gelten als derart meisterhaft, dass sie sogar schon mit Shakespeare verglichen wurden. So wollen auch wir unser Fazit mit den Worten des englischen Drehbuchmeisters aus dem späten sechzehnten Jahrhundert schließen: When Succession’s done, then the battle’s lost and won.


The Zone of Interest

THE ZONE OF INTEREST

Sandra Hüller spielt in THE ZONE OF INTEREST an der Seite von Christian Friedel die Ehefrau eines KZ-Lagerkommandanten in Auschwitz. Jonathan Glazers (UNDER THE SKIN, BIRTH) erster Spielfilm seit neun Jahren basiert sehr lose auf dem gleichnamigen Roman von Martin Amis und erzählt seine Geschichte von der vielzitierten Banalität des Bösen auf beinahe trockene und gerade dadurch umso bitterere Art. Kongenial untermalt von Mica Levi, einer der besten Soundtrack-Komponistinnen unserer Tage.