Film Festival Cologne | Die verGIFtete Gesellschaft
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Die verGIFtete Gesellschaft

Am Anfang war das GIF – nach uns die Bilderflut. Als die Bilder laufen lernten, erblickte nebenbei eine Idee das Licht der Welt, die heute und damit gut 125 Jahre später wirkmächtiger ist als der Kinofilm. 

Im Dezember 1895 wurde im Salon Indien des Grand Café in Paris etwas Wundervolles aus der Taufe gehoben: das Kino. Die Gebrüder Lumière organisierten die erste Vorstellung überhaupt. Aber Max und Emil Skladanowsy waren schneller. Ihre mit nur acht Bildern pro Sekunde gedrehten Alltagssequenzen hatten im selben Jahr bereits ein großes Publikum in den Berliner Wintergarten gelockt und dabei unbewusst etwas Anderes in die Welt gesetzt. 

Den Hampelmann machen, um die Massen zu beglücken – und damit eine Geste in Umlauf bringen, die jede/r versteht und deren Code sofort dechiffrierbar ist. Genial. Die Skladanowskys fabrizierten im Grunde bereits GIFs, wie wir sie kennen, es fehlten nur die dazu passenden Computer und, naja, das Internet zum durchschlagenden Erfolg. Vom gesellschaftlichen Mindset ganz zu schweigen. Wer nun die historisch bahnbrechendere Eingebung hatte, überlassen wir den Foren dieser Erde. Fest steht, dass die Kinematografie erst mal triumphierte. 

Wenn du dich heute in einem Thread und einer Diskussion verhedderst, kennst du diese Reaktion. Michael Jackson im Popcorn-Glück. Heißt so viel wie: Wenn zwei auf Facebook streiten, kann Hollywood einpacken. Manchmal reicht eine Captain Picard-Referenz, um den Schlagabtausch zu beenden. Patrick Stewart hat in seiner Rolle aus STAR TREK die unendlichen Weiten des Universums erst dank der animierten GIF-Bildchen endgültig erobert. Vor allem die Fremdschäm-Verzweiflungs-Face-Palm-Motion hat es all jenen angetan, die vielleicht keine Argumente mehr haben aber ihre Meinung dennoch kundtun wollen.

Als die Bilder 1895 laufen lernten, konnte wirklich keiner ahnen, wohin der Weg sie führen würde. 1987 fuhrwerkte ein gewisser Steve Wilhite auf seinem klobigen Rechner herum und suchte nach einer Möglichkeit, die Bildübertragung via Modem effizienter zu gestalten. Heraus kam das Graphics Interchange Format. Kurz: GIF. Deswegen sei dem klugen Pionier Wilhite rückwirkend der Titel als oberster GIFmischer verliehen. Vorreiter einer mittlerweile bis in die hinterletzte Ecke verGIFteten Welt. Auch wenn er selbst den Namen seines Babys JIF aussprach und seine Entdeckung mit heutigen GIFs nur bedingt was zu tun hat. Was soll’s …

Tatsächlich meint der jetzt gebräuchliche Ausdruck GIF ja bloß noch die für einen Wimpernschlag zuckenden Images in den sozialen Medien. Blinkende Briefmarken für eine (n) Post ohne sonstigen Inhalt. Worte überflüssig. Mit GIFs lässt sich schon alles besprechen, was das Leben so zu bieten hat. Gut passen würde jetzt das von Samuel L. Jackson aus PULP FICTION, wo er dreist den Milkshake des Typen schlürft, den er dann umlegt. Es kann nämlich längst für alles herhalten, einfach weil es cool rüberkommt. Die Deutungshoheit als Zweck führt nun mal latent zur Bedeutungslosigkeit der Mittel, mit denen sie erreicht werden soll. 

Das Phänomen von GIFt und Gegen-GIFt: Universell verständlich setzen GIFs in der Debatte Ausrufezeichen, ähnlich wie der analoge Stinkefinger im Realen – oder der Smile-Emoji. Aber sie ermöglichen es ihren Nutzer:innen auch, eine Bubble mit noch mehr heißer Luft zu füllen. Die Coolness einer Sequenz ist dafür keine Voraussetzung, file under Wendler. Albern- und Peinlichkeiten stehen hoch im Kurs. Der Referenzspielraum der bunt flimmernden Botschaften ist weit gefasst, ihr zeitlicher Rahmen dagegen recht klar abgesteckt. Die kollektive zeitgenössische Aufmerksamkeitsspanne klammert das popkulturelle Gedächtnis mehrerer Generationen. 

Während GIFs eine geniale Zuspitzung darstellen, kommt ihre Verbreitung einer Inflation gleich. Schon einmal hat das Format einen solchen Hype erlebt – und beinahe nicht überlebt. Allerdings spielen neben aufmerksamkeitsökonomischen auch handfeste wirtschaftliche Interessen eine Rolle. Manche erinnern sich bestimmt noch an den GIF-Overkill zu den seligen Zeiten von MySpace. Als die Seiten aussahen wie Pixel-Versionen von Poesie- und Freundschaftsalben mit beweglichen Glanzbildern? Mit MySpace verschwand auch dieser Wahnsinn. Ein zweites Mal nach dem Bioskop der Skladanowskys war die Idee gut aber die Welt noch nicht bereit.

Goldene Regel: Heißer Popscheiß schwimmt irgendwann wieder oben. Entweder spült die Retrowelle ihn zurück an Land, oder er bereitet selbst den Humus für eine eigene Welt, in der er sich unter besten Voraussetzungen reproduzieren kann. Giphy ist so ein digitales Zauberland für GIFs. Seit Facebook es sich einverleibte, blüht das Geschäft, und die Bilder tanzen dazu. Denken wir nur an das Confused Travolta-Meme, das ein oft unterschätztes DIY-Potenzial von GIFs offenbarte. Es kommt einiges auf uns zu, wenn diese Möglichkeiten voll ausgeschöpft werden.

Wer heute nach GIFs sucht, findet schon einige theoretische und populärwissenschaftliche Erklärungen – und einen künstlerischen Umgang, durch den sich der Kreis von der technischen Innovation zur neuen Kunstform über den Schlenker der angewandten Kunst bis zum Punkt der hintersinnigen Wiederaneignung schließt. Wie wäre es zum Beispiel mit einem GIF-Parcours im öffentlichen Raum … Eine Street Gallery, in der flüchtige Meinungsbilder sich zur Ausstellung verfestigen, dabei Leerstellen im Analogen besetzen und kenntlich machen? Das wäre fast so etwas wie eine zeitgenössische Wintergarten-Erfahrung.